Prozess am Landgericht Trier: Der Blackout des jungen S.

Justiz : Prozess am Landgericht Trier: Der Blackout des jungen S.

Ein 20-Jähriger aus Luxemburg hat laut Anklage in Konz mehrere Unfälle verursacht und versucht, sich das Leben zu nehmen. Das Landgericht Trier geht der Amokfahrt auf den Grund.

Die Anklage liest sich dramatisch. Der 20-Jährige S. soll am 23. Oktober mittags in einem psychischen Ausnahmezustand mit dem Auto seiner Mutter von Luxemburg nach Konz gefahren sein. Dabei soll er mehrere Autofahrer bedrängt und mehrere Unfälle mit Fahrerflucht verursacht haben. Schließlich habe er versucht, sich mit einem Unfall selbst das Leben zu nehmen. (der TV berichtete). Nun prüft das Landgericht Trier in einem Sicherungsverfahren, ob der Mann so lange in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht wird, bis es ihm besser geht, oder ob er in eine Entzugsklinik kommt.

Welcher Mensch steht hinter einer solchen Tat? Davon will sich das Gericht ein umfassendes Bild verschaffen.

S. ist ein junger, schlanker Mann mit sympathischer Erscheinung. Er trägt ein weißes Hemd und kurzes Haar. Er artikuliert sich gut. Kein Wunder, spricht der Mann aus Luxemburg doch sechs Sprachen. Man könnte ihn für einen Studenten halten. Betriebswirtschaft vielleicht oder Jura. „Meine Dummheit, die ich begannen habe, tut mir Leid“, sagt S. am Dienstag dem vorsitzenden Richter Günther Köhler, dem die Richter Andreas Klein und Stefanie Georgi zur Seite stehen. Die Anklage vertritt Staatsanwältin Nine Dirion-Gerdes. Rechtsanwalt Matthias von Rymon Lipinski vertritt den Beschuldigten. Zudem ist mit Dr. Sergiy Davydenko ein psychiatrischer Gutachter der Universitätsklinik Mainz bei Prozess dabei.

S. wächst in einfachen Verhältnissen in einem Arbeiterhaushalt auf. Er hat einen Bruder, eine Stiefschwester und einen Stiefbruder. Die Atmosphäre in der Familie ist, so wie S. sie beschreibt, von Streit und Gewalt dominiert – auch durch den Vater gegen S. Vielleicht weil S. schlecht hört, vielleicht weil er die Schule nicht ernst nimmt. Vielleicht aber ist S. auch in der Schule schlecht, weil er zu Hause keinen Rückhalt hat.

Mit elf Jahren zieht S. zum ersten Mal an einem Joint, nachdem es zu Hause Streit gab. „Es gab viel Stress zu Hause. Gebrüll, Streiterei, das war normal“, sagt er. Weshalb, will Richter Köhler wissen. „Ich kann Ihnen keinen Grund sagen“, sagt S. Das Cannabis beruhigt S. Mit zwölf raucht er regelmäßig. S. wiederholt mehrmals Klassen und wechselt mehrfach die Schule. Am Ende bleibt er ohne Abschluss. „Der Vater wurde immer aggressiver.  Meine Mutter ist eine ruhige Frau, die alles in sich hinein frisst“, sagt S. Er macht Drogenentzugstherapien. Auch in Italien und Deutschland. Ohne Erfolg. Vielleicht auch, weil seine Brüder ebenfalls Drogen nehmen. Einmal  soll der Vater seinen Sohn gewürgt haben. „Ich dachte, er will mir das Leben nehmen“, sagt S. In Gegenwart der Eltern versucht S. sich die Pulsader aufzuschneiden. „Bevor er mir das Leben nimmt, mache ich es.“ Statt des Vaters kommt S. in eine geschlossene Therapie. Wird mit Medikamenten ruhig gestellt. Es ist ein Muster, das sich wiederholt. Der Vater schlägt ihn angeblich wieder. S. randaliert. Der Vater ruft einen Psychologen.

Als S. 17 Jahre alt ist, schmeißt der Vater ihn raus. S. lebt nun auf der Straße. Um sich durchzuschlagen, verkauft er nach eigener Aussage Drogen und nimmt selbst welche. Zum Cannabis kommt Kokain dazu. Die Droge steht im Ruf, ihren Konsumenten alle Sorgen vergessen zu lassen und das Gefühl zu vermitteln, man könne alles erreichen. Ab und an nimmt S. zudem Ecstasy („pure Neugier“), Speed und Ketamin. Er findet eine Freundin, eine Psychologiestudentin. Sie nehmen gemeinsam Drogen und führen lange Gespräche.

Anfang 2018 geht S. drei Monate zu einer Tante nach Portugal und arbeitet in einer Plastikfabrik, doch er vermisst seine Freundin und kehrt nach Luxemburg zurück. Die Tante redet auf seinen Vater ein. S. kann wieder bei seinen Eltern wohnen. Doch dann wird S. von seiner Freundin betrogen, wie dieser erzählt. Die Beziehung zerbricht, und das wirft S. aus der Bahn. Er geht zu seinem Kumpel, ist zwei Tage am Stück wach. Drogen nimmt er auch. Dann kommt der 23. Oktober. S. bekommt Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Er fühlt sich stark bedroht und hört nach eigenen Angaben Stimmen. Vielleicht durch den Schlafentzug. Wenn das Gehirn nicht mehr das Erlebte mit Träumen verarbeiten kann, träumen manche Menschen irgendwann bei wachem Zustand. Sie halluzinieren. S. meint nun, fliehen zu müssen, unerkannt. Zu Hause zieht er einen Rock seiner Mutter an und rasiert sich die Augenbrauen ab. Dann setzt er sich ins Auto der Mutter, obwohl er keinen Führerschein hat und fährt über die deutsche Grenze. „Ich wollte weg. Einfach weg.“

In psychotischem Zustand erreicht S. hinter Wasserliesch die B 51. Eine Taxifahrerin, die am Dienstag vor Gericht aussagt, sieht, wie er mit hoher Geschwindigkeit durch den Kreisel jagt, der Blick starr. Er kommt der Taxifahrerin sehr nah, diese fühlt sich bedrängt, es passiert aber nichts. S. fährt in Richtung Saarburg, laut Anklage ohne Rücksicht auf Verluste, als werde er gejagt. Dabei touchiert er beim Überholen andere Autos, drängt sie auf den Bürgersteig und riskiert Frontalzusammenstöße.

Zehn Zeugen sagen am Dienstag im Landgericht aus. Darunter eine Frau mittleren Alters. S. touchiert ihren Wagen beim Überholen und verursacht 4500 Euro Schaden. Bevor die Frau den Saal verlässt, entschuldigt sich S. bei ihr – wie auch bei anderen Zeugen, die er in Bedrängnis gebracht hatte. Die Zeugin wünscht ihm, dass er sein Leben in den Griff bekomme.

Auf dem Weg in Richtung Saarburg dreht S. an dem 23. Oktober unvermittelt um und rast zurück nach Konz. Trotz der Halluzinationen und des Drogeneinflusses wird S. klar, dass er „richtig schlimmen Mist gebaut hat“. Er sieht keinen Ausweg mehr. Ein älterer Luxemburger Autofahrer sieht, wie S. auf den Kreisel zujagt, wo die B 51 auf die B 419 trifft. Viel zu schnell. S. fährt über den Kreisel und Straßenschilder. Das Auto wird hochkatapultiert, überschlägt sich und landet an der Uferböschung der Mosel. Der Luxemburger will erste Hilfe leisten, doch S. kann sich selbst schon aus dem Wagen befreien. Er ist offenbar nicht schwer verletzt und wirkt orientierungslos.

Nach dem ersten Schock wird S. angeblich aggressiv, schlägt einen Seitenspiegel des gerufenen Krankenwagens ab. Er beschimpft demnach alle um ihn herum, auch die gerufenen Polizisten. Diese fixieren ihn. „Er war in einem psychischen Ausnahmezustand. Man konnte sich nicht mit ihm unterhalten“, sagt eine Polizistin im Zeugenstand.

S. wirkt vor Gericht aufrichtig bereuend. „Ich habe so etwas nie vorher gemacht. Von mir sind keine vergleichbaren Taten zu erwarten. Ich bin guter Hoffnung, dass ich mein Leben in den Griff bekomme.“ Die vergangenen Monate war S. in der Psychatrie. Es gehe im gut. Er möchte an einer Therapie festhalten. S. sagt: „Ich möchte eine Ausbildung machen und ein normales Leben führen.“

Die Verhandlung wird am heutigen Mittwoch fortgesetzt.

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