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Trier-Quint
Das Kinderparadies im alten Herrenhaus in Trier-Quint (Video)

Spielerischer Alltag im Haus Tobias: Lyron, Felix, Ben, Talia und Luna (von links) sind unter der Obhut von Erzieherin Silvia in ihr gemeinsames Spiel vertieft.
Spielerischer Alltag im Haus Tobias: Lyron, Felix, Ben, Talia und Luna (von links) sind unter der Obhut von Erzieherin Silvia in ihr gemeinsames Spiel vertieft. FOTO: Rainer Neubert
Trier-Quint. 25 Jahre gelebte Inklusion: Das Haus Tobias feiert am Samstag ein großes Fest und lädt alle Erwachsenen und Kinder dazu ein. Von Rainer Neubert
Rainer Neubert

Die riesige bunte Geburtstagstorte aus Pappe und Montageschaum, gleich hinter der Eingangstür, ist nicht zu übersehen. „Die haben unsere Kinder gemeinsam mit den Erzieherinnen und Eltern für unser Jubiläumsjahr gebaut“, erklärt Susanne Fuchs. Bevor die Leiterin der integrativen Kindertagesstätte Haus Tobias weiter­erzählen kann, kommt schon ein Kind herbeigesprungen und zeigt volle Eifer, wie die Beleuchtung ihre Farbe wechseln kann, vor allem aber, wie die integrierte Süßigkeitenschleuder funktioniert.

Süßigkeiten gehören für alle 100 Kinder dazu, die in dem ehemaligen Herrenhaus von Schloss Quint betreut werden. Sie sind fast ebenso wichtig wie Bewegung, Spiel und dicke Freundschaften. Dass viele Kinder nicht alles essen können, wildes Toben und konzentriertes Spielen individuell sehr unterschiedlich sein kann, ist in den sieben Kita-Gruppen kein Problem. Denn die Kinder von zwei bis sechs Jahren leben im Haus Tobias von Beginn an wie selbstverständlich, was Inklusion bedeutet: den vorbehaltlosen Umgang von behinderten und nicht behinderten Menschen miteinander.

Auch das neue Außenspielgelände ist ein Traum für Kinder. Es wird am Samstag beim Geburtstagsfest eingeweiht.
Auch das neue Außenspielgelände ist ein Traum für Kinder. Es wird am Samstag beim Geburtstagsfest eingeweiht. FOTO: Rainer Neubert

Felix, dem wegen einer bakteriellen Infektion als Baby beide Beine amputiert werden mussten, strahlt den Jungen mit den Wuschelhaaren an, mit dem er aus Kunststoffteilen gerade eine Raketen-Auto-Fantasielandschaft bastelt. „Der Lyron ist mein Freund“, sagt der Vierjährige und bekommt von dem als Bestätigung eine Umarmung. Kurze Zeit später bringt Luna auf dem neu gestalteten Außengelände die Vogelnestschaukel in Schwung, in der Felix nicht lange alleine sitzen wird.

„Die Spielanlage ist ein Traum für die Kinder“, freut sich Susanne Fuchs. Beim Fest am morgigen Samstag, 11 bis 19 Uhr, wird es offiziell eingeweiht. Vor allem geht es aber darum, unter dem Motto „Ich und Du und Du dazu“ mit einem bunten Mitmachfest den 25. Geburtstag der Einrichtung zu feiern. Eingeladen sind alle, die sich die älteste integrative Kindertagesstätte Triers ansehen wollen. Seit 25 Jahren profitieren hier Kinder mit und ohne Behinderung von den besonderen Betreuungs- und Lernbedingungen. Acht der derzeit 43 Beschäftigten sind Therapeuten, die sich besonders um die 40 Kinder mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen kümmern.

„Am Anfang waren es vor allem Kinder mit Hör- und Sprachbehinderungen“, erinnert sich Fuchs. „Inzwischen haben wir fast das komplette Spektrum.“ Das sei durchaus eine große Herausforderung, die von allen im Haus aber gerne angenommen werde. „Wir fragen uns nie, ob wir ein Kind aufnehmen, sondern immer, wie wir es aufnehmen.“ Ziel sei die optimale individuelle Förderung. „Wir wollen das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein der Kinder fördern, damit sie später besser durch das Leben gehen können.“

Dass dies in dem denkmalgeschützten Haus, das auch im Innern einen besonderen Charme bietet, in der Regel gut gelingt, wird auch von externen Beobachtern nicht bezweifelt. „Auf Bundes- oder Landesebene ist das Haus Tobias unsere Empfehlung für Best Practice im Bereich Integration/Inklusion“, sagt auch Angela Thelen, Abteilungsleitung Kindertageseinrichtungen beim Caritasverband für die Diözese Trier. „In Fragen fachlicher Expertise führt kein Weg an Susanne Fuchs und ihrem Team vorbei.“ Und tatsächlich fragen andere Einrichtungen regelmäßig nach, wenn sie für ihre Kita oder für ein zu betreuendes Kind Rat suchen.

Beim Rundgang mit dem TV-Redakteur spricht die so Gelobte lieber über die Kinder im Haus Tobias. „Wir wollen vermitteln, dass es immer mehrere Wege zum Ziel gibt. Es ist kein Grund zu verzweifeln, wenn einer dieser Wege verbaut ist.“ Sie zeigt auf ein Brett mit Loch, das in einer Türklinke eingefädelt ist. „Das ist für Felix, weil er nicht an die Türklinke heranreicht. Die Idee dazu kam aus der Gruppe.“