1. Region
  2. Vulkaneifel

Multikulti mitten in der Eifel

Multikulti mitten in der Eifel

Viele Gemeinden auf dem Land klagen über Leerstände. In Herschbroich ist das anders. In dem Dörfchen haben sich zunehmend Menschen angesiedelt, die aus anderen Ländern stammen. Sie haben dort Häuser gekauft. Die neuen Einwohner haben alle eins gemeinsam: die Liebe zum Motorsport.

Nürburgring/Herschbroich. Sophia hat schwarze, kurze Locken und ein lautes Lachen. Ihr Mann Jochen sitzt noch verschlafen am Tisch und krault einen der Hunde hinter den Ohren. Sie ist Portugiesin, er Belgier. Auf die Frage, warum er nach Herschbroich gezogen ist, muss er dann doch grinsen: "Ich fahre viel Fahrrad, und immer, wenn ich konnte, bin ich durch Herschbroich gefahren. Irgendwann habe ich jemanden auf der Straße gefragt, ob es hier ein Haus zu verkaufen gäbe. Der hat mich groß angeguckt und gesagt: ,Ja, meins.\'" Schicksal, da sind sich die beiden sicher.
Sie haben nach etwas Ruhigem gesucht, wo die studierte Tierärztin auch mit den zwei Hunden rausgehen kann. Jochen: "Es hat mich sehr überrascht, wir sind mitten am Nürburgring, und trotzdem hat man das Gefühl, meilenweit von allem weg zu sein." Er arbeitet als Fotograf im Motorsport. Mit seinem Label "Frozenspeed" folgt er dem Rennzirkus, das Paar lebt in vier Ländern gleichzeitig.
"Aber am liebsten hier", wirft Sophia ein. Sie stammt aus einer Militärfamilie, in Mosambik geboren, in Portugal, Amerika, England und Belgien groß geworden. Lange hält sie es nie an einem Ort aus. Normalerweise: "Herschbroich macht es einem leicht zu bleiben." Integriert fühlen sich beide. Beim Weihnachtsbasar haben sie schon geholfen, und als der Hund ihres Nachbarn überfahren wurde, war Sophia direkt zur Stelle. Heute fühlen sie sich in der Eifel zu Hause.
Simon Mulley posiert vor seinem Haus, seine tätowierten Arme vor der Brust verschränkt. Im Hintergrund schraubt Andy in einer zerrissenen Hose an seinem Motorrad. Das funktioniert nicht so, wie er möchte, dafür ist sein Wortschatz an deutschen Kraftausdrücken sehr beeindruckend. Einer fehlt heute noch, Richard, er war es auch, der das Haus im Internet gefunden hat. "Seine Arbeit ist in England, aber er kommt so oft her wie möglich", erzählt Simon.
Die drei Engländer haben das Haus 2000 gekauft und wohnen hier von März bis Oktober. Sie würden auch über den Winter bleiben. Aber da gibt es keine Arbeit für sie. Simon ist Instruktor am Nürburgring. In England war er Gerüstbauer. "Kletteraffe", nennt er sich selbst. Auch sie fühlen sich integriert, freuen sich schon auf das anstehende Dorffest. "Manchmal haben wir Schwierigkeiten mit der Verständigung", wirft Andy ein. "Unser Englisch verstehen die Nachbarn nicht immer." Simon zuckt die Schultern: "Aber sie grüßen ständig."
Ralph Beck kommt aus Liechtenstein. Sein Cousin Fredy Lienhard aus der Schweiz. Sie gründeten im Jahr 2009 Rent4Ring. Eine Agentur, die Suzukis für Runden auf dem Ring vermietet. Angefangen haben sie mit zwei Autos. Heute haben sie 20. Ihre Firmenzentrale steht in Nürburg, sie wohnen in Herschbroich. Was sie dort hingezogen hat, ist schnell geklärt: die Lage. "Es liegt nah an unserem Arbeitsplatz, und hier gibt es viel Wald, das war uns wichtig wegen der Hunde", erklärt Ralph.
Er hat vier Lehren abgeschlossen, ist unter anderem Feinmechaniker und Marketingfachmann. Fredy hat ebenfalls Mechaniker gelernt, ist dann Rennen gefahren. Über ein gemeinsames Projekt sind sie zu Partnern geworden. Haben sie es schwer gefunden, hier akzeptiert zu werden?
"Ja schon, es dauert ein paar Jahre", bekennt Fredy. "Die Leute sind, wie ein Nachbar uns mal gesagt hat, ein verschmitztes kleines Bergvölkchen, das sehr eigen ist." Und Ralph fügt hinzu: "Aber wenn sie einen ins Herz geschlossen haben, dann für die Ewigkeit." Grade erst haben sie eine neue Bank für einen der Aussichtspunkte um Herschbroich gespendet. Heimweh haben die Männer nie. Sonst wären sie schon lange nicht mehr da. Das Einzige, was sie wirklich aus der Heimat vermissen, ist: das Essen.