Eine Frage der Freiheit und Autonomie

Eine Frage der Freiheit und Autonomie

Er hält die digitale Revolution für noch bedeutender als die Erfindung von Buchdruck oder Dampfmaschine: FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher hat im Trierer Theater die damit verbundenen Herausforderungen für Wirtschaft und Gesellschaft erläutert.

Trier. "Es gibt viele hochkomplexe Systeme, die herausfinden, was Sie tun wollen, was Sie kaufen werden, wohin Sie sich bewegen, was Sie denken", erklärt Frank Schirrmacher bei der gemeinsamen Jahresveranstaltung der Vereinigung Trierer Unternehmer, des Kreises Junger Unternehmer und des Marketing-Clubs Trier-Luxemburg. Nicht nur Geheimdienste, auch Unternehmen sammeln immer mehr Informationen über Bürger. Sie analysieren Kaufverhalten oder Beiträge in sozialen Netzwerken.
Anreize statt Zwang


Und praktisch niemand habe die Chance, sich dem zu entziehen; denn laut Google-Verwaltungsratschef Eric Schmidt werden die Menschen, die nicht in digitalen Systemen zu finden sind, bald die eigentlich Verdächtigen sein.
Mit einer Orwell\'schen Vision hat dies nach Schirrmacher aber nichts zu tun: "Orwell ist Zwang. Aber diese Dinge werden nicht durch Zwang kommen, sondern über Anreize." Wer die Chance auf eine niedrigere Prämie bei der KFZ-Versicherung hat, ist dafür vielleicht bereit, sein Fahrverhalten analysieren zu lassen.
Was aber ist die Folge der immer größer werdenden Informationsflut und der von Computern automatisch analysierten Daten? "Die Intuition verschwindet", glaubt Schirrmacher, denn: "Menschenkenntnis kann man nur durch Menschen lernen." Soll man lieber der Expertise des Computers vertrauen oder dem eigenen Bauchgefühl? Die Frage lautet für Schirrmacher: "Wer hat recht?" Und die ist nicht immer eindeutig zu beantworten.
Sport fürs Gehirn


So wie die Menschen nach Einführung der Dampfmaschine, die ihnen körperliche Arbeit abnahm, Sport als Ausgleich brauchten, so wäre für Schirrmacher heute ein Gehirn-Jogging erforderlich. "Wir benötigen ein Schulfach Kontemplation oder Meditation", meint er.
Dass für den Einzelnen ein Übermaß an Information nicht immer hilfreich ist, zeigen laut Schirrmacher mehrere Studien: Vor einer schweren Operation zum Beispiel wurde eine Gruppe von Patienten detailliert über mögliche Risiken und Genesungsverläufe aufgeklärt, einer zweiten Gruppe wurde nur gesagt: "Sie sind nicht vergleichbar mit anderen, wir können keine Prognose abgeben." Und diese Gruppe erholte sich schneller und benötigte weniger Medikamente.
Eine weitere entscheidende Frage, die das Funktionieren der gesamten Wirtschaftsordnung betrifft, ist für Schirrmacher, ob alle Zugriff auf die gleichen Daten haben. "Kann ein Markt noch existieren, wenn ein Marktteilnehmer vom anderen fast alles weiß?" Er fordert daher "eine europäische Debatte darüber - es ist eine Frage der Freiheit und der Autonomie." daj
Extra

Der Journalist und Autor Frank Schirrmacher (54) ist Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und dort zuständig für das Feuilleton. In seinen Büchern befasst er sich mit grundlegenden Fragen der Gesellschaft: in "Das Methusalem-Komplott" (2004) mit dem demografischen Wandel, in "Minimum" (2006) mit der Auflösung traditioneller Familienstrukturen und in "Payback" mit dem Informationszeitalter. Sein jüngstes Buch "Ego: Das Spiel des Lebens" erschien 2013. daj