Unternehmen: Luxemburgs Industrie erfindet sich neu

Unternehmen : Luxemburgs Industrie erfindet sich neu

Neujahrsempfang der Industriellenvereinigung Fedil im Zeichen einer neuen Revolution.

Ein Trommler an einer etwa zwei Meter Durchmesser großen Trommel lässt sich durch die Luft wirbeln. Noch mehr als der ohrenbetäubende Schlaghall fasziniert, dass der Trommler von einem Roboter immer wieder auf den Kopf gestellt wird und durch den Raum schwebt. Ein Roboter, gebaut von der in Trier gegründeten und nun mit insgesamt 630 Mitarbeitern in Luxemburg ansässigen Firmengruppe Köhl, der zeigt, wie Industrie im 21. Jahrhundert aussieht. Denn die ist nicht mehr allein eine Welt aus Stahl, Kohle und Maschinenbau, sondern zunehmend aus vielen Milliarden Daten, aus Informatik, Robotik und auch künstlicher Intelligenz.

Der Neujahrsempfang der Luxemburger Industriellenvereinigung Fedil in den Messehallen auf dem Luxemburger Kirchberg zeigt den 1000 Gästen aus Politik und Wirtschaft, welches die Herausforderungen für die rund 600 Mitglieder im 101. Jahr des Bestehens sind. „Wir müssen schneller werden, innovativ sein, bereit sein, Entscheidungen zu treffen und die Verwaltungsgeschwindigkeit erhöhen“, sagt der seit drei Jahren amtierende Fedil-Präsident Nicolas Buck, und er unterstütze die Schaffung eines eigenständigen Ministeriums in Luxemburg für Digitalisierung, das Premierminister Xavier Bettel untergeordnet ist.

Doch lasse die neue Regierungsvereinbarung zu wünschen übrig. „Die Vereinbarung hat viel Ehrgeiz, und wir werden sie dort, wo wir es für sinnvoll erachten, auch unterstützen.“ Allerdings sei er doch enttäuscht, dass die unter Premier Xavier Bettel weitergeführte Koalition eher die Rechte und Pfründe der Arbeitnehmer sichere und die Arbeitgeber durch zusätzliche Pflichten einschränke.

Die Fedil und die Wirtschaftslenker wollen folglich mehr hofiert und politisch unterstützt sein. Buck: „Es geht für Unternehmen nicht darum, Wohlstand fair zu verteilen, sondern neuen Wohlstand schaffen zu können.“

Mit auf den Weg der dritten industriellen Revolution nimmt die Gäste der in Frankreich nicht unumstrittene liberale Gastredner Nicolas Bouzou. Er kritisiert gern das schwerfällige und selbstgefällige Management französischer Unternehmen und führt deren Methode ad absurdum. Europa dürfe sich nicht von den USA und China abhängen lassen. Europa habe zwar viele soziale Errungenschaften, wissenschaftlich hinke es aber hinterher und stehe sich selbst im Weg.

 „Das neue Öl sind Daten, wir brauchen sie, ohne sie gibt es keine Algorithmen, keine Digitalisierung und Robotik, schlicht Innovation. Und gleichzeitig vereinbart die EU eine Datenschutzgrundverordnung. Was will man“, fragt er provozierend und erntet dafür entsprechend Applaus.

Premierminister Xavier Bettel, gerade vom Weltwirtschaftsforum in Davos zurückgereist, gab sich ruhig und demütig, aber auch offensiv. Erstmals sei er auf der Weltbühne als Luxemburger Regierungschef ernst genommen worden. „So oft bin ich in fünf Jahren noch nie auf unsere Wirtschaft und unsere Ansicht zu Europa angesprochen worden“, sagt er stolz. Gleichzeitig warnte er alle EU-Skeptiker angesichts des Brexit-Wirrwarrs davor, die EU als Ganzes infrage zu stellen. „Viele haben vergessen, was wir alle von Europa haben. Und denken sie daran: Wir dürfen die Fehler nicht bei anderen suchen: Brüssel, das sind auch wir.“

Und an die Unternehmer gerichtet will er sich und seine Regierung auch im Rahmen eines Gesellschaftsvertrags als Beschützer der Bürger verstanden wissen. „Dennoch brauchen wir eine Wirtschaft, die funktioniert“, sagte Bettel. Und so sei die Politik etwa mit dem neuen Digitalisierungsministerium auch an der Seite der Unternehmen. „Der Umgang mit künstlicher Intelligenz ist keine Wahl, sondern eine Notwendigkeit. Und wir werden es tun“, stellt er klar.

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