Reserven mobilisieren

Die großen Ängste bei den Verbrauchern vor zunehmender Nahrungsmittelknappheit und explodierenden Preisen haben gestern die Bundesregierung mobilisiert. Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) und Agrarminister Horst Seehofer (CSU) traten nacheinander in Berlin vor die Presse.

Berlin. Sie verkünden, dass alles gleichzeitig geht: Die Erde kann die wachsende Bevölkerungszahl ernähren und trotzdem können noch Felder für die Bioenergie genutzt werden. "Die Untergangsdiskussionen sind falsch", sagt Seehofer. Es war ein Doppelschlag. Erst berichtet Gabriel, gerade aus Brasilien zurückgekehrt, dass die Produktion von Biosprit keineswegs schuld an den rasanten Preissteigerungen sei. Das seien vielmehr Spekulanten an den Terminbörsen, die "im Wortsinne Heuschrecken" seien. "Sie nehmen vielen Menschen bezahlbare Nahrungsmittel weg". Ihm folgt Seehofer, der Bauernpräsident Gerd Sonnleitner im Schlepptau hat. Von den 4,2 Milliarden Hektar potenziell nutzbarem Land auf der Erde würden derzeit 1,5 Milliarden bewirtschaftet. Also ein Drittel. Und dass überwiegend weniger produktiv als in Europa. Die Agrarpolitik der EU sei nicht schuld an der Verknappung, betont Seehofer. Produktsubventionen gebe es praktisch nicht mehr und die Flächen-Stilllegungen würden ebenfalls rückgängig gemacht. "Ich hoffe auf Dauer", meint der Minister. "Die Landwirtschaft kann ausreichend Menschen ernähren", sagt auch Sonnleitner. "Sogar zehn Milliarden". Grund für Hunger seien oft Kriege oder Korruption. "Gutes Regieren heißt das Lösungswort". Sonnleitner macht wie Gabriel "Heuschrecken" für die Preissteigerungen verantwortlich. Die Bauern in Deutschland seien hingegen mit sinkenden Erzeugerpreisen konfrontiert. Seehofer will deshalb das seit der BSE-Krise ausgerufene Verbot der Tiermehl-Verfütterung wieder lockern und auf Wiederkäuer beschränken, um die Bauern bei teurer gewordenen Futtermitteln zu entlasten. Seehofer und Gabriel hatten überlegt, wie noch mehr Anbauland mobilisiert werden kann. Ergebnis: Beide wollen den Flächenverbrauch für Infrastruktur drastisch reduzieren. Täglich verschwinden 110 Hektar unter Umgehungsstraßen, Großmärkten oder Industriebauten. "Hochwertiges Land", wie Seehofer sagt. Oder sie werden als Ausgleich für betonierte Waldstücke aufgeforstet. Nun wollen beide mehrere Gesetze, darunter auch das Umweltgesetzbuch, ändern, um den Verbrauch auf 30 Hektar pro Tag zu verringern, wie schon im Koalitionsvertrag versprochen war. Noch in diesem Jahr sollen die Vorlagen ins Kabinett. Zentral diente der Auftritt der Minister dazu, die Bioenergie-Strategie der Bundesregierung vor wachsender Kritik zu retten. Seehofer sagt: "Das Gerede von einer Flächenkonkurrenz ist abwegig". Nur zwei Prozent der weltweit genutzten Agrarflächen würden derzeit für Bioenergie genutzt.