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DGB Rheinland-Pfalz steht vor Generationenwechsel

Gewerkschaften : Eine Frau soll den Deutschen Gewerkschaftsbund im Land führen

Susanne Wingertszahn ist für die Führungsposition des DGB nominiert. Welche Themen ihr neben günstigem Wohnen wichtig sind und was sie für Azubis fordert.

Wo die Rufe nach mehr Frauen in Führungspositionen lauter werden, will der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in Rheinland-Pfalz voranschreiten. Ab Herbst soll Susanne Wingertszahn als erste Frau in der Geschichte den Landes-DGB anführen. Die 46-jährige Saarländerin aus Ottweiler ist vom Bezirksvorstand nominiert und soll ab November auf das Urgestein Dietmar Muscheid folgen, der mit 64 Jahren nicht erneut antritt.

Eine Frau als Gewerkschaftsführerin? Das ist in Rheinland-Pfalz eine Seltenheit, aber kein Einzelfall. Mit Sabrina Kunz hat auch die Gewerkschaft der Polizei eine Chefin. Wingertszahn sagt: „Ich weiß, dass ich nicht nur nominiert bin, weil ich eine Frau bin.“ Die Rolle sehe sie aber als eine schöne Vorbildfunktion. „Ich glaube, dass Gewerkschaften in Zukunft weiblicher werden und mehr Frauen ansprechen müssen. Als Frau gelingt das vielleicht sogar einfacher“, betont die designierte Chefin, die in einer gewerkschaftlich organisierten Eisenbahner-Familie im Saarland aufgewachsen ist, Pädagogik studierte und schon 2002 zum damals frisch fusionierten DGB Rheinland-Pfalz/Saarland wechselte.

Inzwischen ist Wingertszahn dort Geschäftsführerin und weiß, dass auf sie die typischen Nöte einer Gewerkschaft warten, die wie Vereine und Parteien in die Gesellschaft an Bindungskraft verlieren.  Rund 410 000 Mitglieder hat der DGB-Landesverband noch. Einst waren es mehr. Im Corona-Jahr habe es einen Rückgang von 1,6 Prozent gegeben, trotz Kurzarbeit, trotz Angst vor Arbeitslosigkeit. „Viele Menschen bangen um ihre Jobs und schauen, wo sie Geld sparen können“, zeigt Wingertszahn Verständnis, kündigt aber an, Mitglieder zurückgewinnen zu wollen. „Die Corona-Krise hat gezeigt, wie wichtig es ist, für gute und gesunde Arbeitsbedingungen zu kämpfen“, findet sie. 

Auch Azubis liegen Wingertszahn am Herzen, weil sie beim DGB lange als Jugendbildungsreferentin gearbeitet hat. „Viele junge Menschen drohen in der Pandemie auf der Strecke zu bleiben. Ich mache mir große Sorgen, dass viele von ihnen keinen Ausbildungsplatz finden und in Warteschleifen hängen“, sagt Wingertszahn. Sie fordert eine Ausbildungsgarantie und spricht sich dafür aus, große und kleine Betriebe zusammenzubringen, um stärker Verbundausbildungen zu fördern. Rasch fordert sie ein 365-Euro-Ticket für junge Menschen, das auch im Koalitionsvertrag der Ampel steht.

„Gerade Azubis aus dem ländlichen Raum kommt das enorm entgegen, weil sie zu einem großen Teil länger als eine halbe Stunde zu ihrem Ausbildungsbetrieb fahren und für ein Monatsticket schon mal 100 Euro plus x anfallen“, betont sie. Zahlen des DGB zeigen in rheinland-pfälzischen Extremwerten, dass Tickets von Emmelshausen nach Koblenz 253 Euro kosten. Im Monat. Hoch sind auch Kosten für Azubis, die mit dem Bus von der Eifel nach Trier fahren. „Das 365-Euro-Jahresticket sollte unbedingt im Haushalt 2022 enthalten sein und nicht erst zum Ende der Wahlperiode eingeführt werden. Darauf werde ich wieder und wieder hinweisen“, fordert Wingertszahn. Langfristig wünsche sie sich den kostenlosen Nahverkehr in Rheinland-Pfalz. 

Klappt es mit der Wahl im Herbst, will sie auch für andere Inhalte kämpfen. Wie für das mobile Arbeiten nach der Pandemie, für das es einen dauerhaften Ordnungsrahmen brauche, um Familie und Beruf vereinbaren zu können. Günstiges Wohnen, da derzeit auch viele Trierer mehr als ein Drittel ihres Haushaltseinkommens für Miete ausgäben, weshalb Wingertszahn einen Mietenstopp und mehr kommunalen Wohnungsbau im Land anregt. Nicht zu vergessen die Umwälzungen, die Digitalisierung und Klimawandel für die Arbeitswelt mit sich bringen. Und natürlich gerechte Renten, womit wir am Ende des Textes schon wieder bei den Frauen sind. Denn für Frauen belaufe sich die durchschnittliche Rente in Rheinland-Pfalz auf gerade mal 677 Euro im Monat. Zu wenig, um die Existenz zu sichern, weiß die angehende DGB-Chefin, der klar ist: „Es gibt eine Menge zu tun.“