"In erster Linie Mensch"

TRIER. Michael Karams Vater ist Palästinenser, seine Mutter Deutsche. Der 20-Jährige fühlt sich voll integriert in Deutschland. Er studiert an der Universität Trier. Eine multikulturelle Gesellschaft hält Karam für möglich.

Die brennenden Autos in Frankreichs Vorstädten, aber auch die Ausschreitungen im Zusammenhang mit den Mohammed-Karikaturen in einigen islamischen Ländern haben in den letzten Monaten wieder eine Zuwanderungsdebatte ausgelöst. In vielen europäischen Ländern gibt es Konflikte, weil es nicht gelungen ist, Immigranten oder deren Nachkommen zu integrieren. Muslime haben häufig die größten Anpassungsschwierigkeiten. Häufig, aber nicht immer."Ich sehe mich manchmal in einer Sonderrolle"

Michael Karam, Student an der Universität Trier, hatte nie Probleme, sich in Deutschland zurechtzufinden. "Ich hatte natürlich auch den Vorteil, dass die Sprache für mich nie ein Hindernis war", sagt der 20-jährige Halb-Palästinenser. Er ist in München geboren, als Sohn eines palästinensischen Vaters und einer bayrischen Mutter. Sein Vater ist 1968 zum Studieren nach Deutschland gekommen und hier geblieben. Heute führt er eine eigene Apotheke. Karam fühlt sich voll integriert. Er studiert in Trier Politikwissenschaft, Öffentliches Recht und Volkswirtschaftslehre. Seine Freunde sind deutsch. Obwohl er Moslem ist, trinkt er Bier und isst Schweinefleisch. "Dennoch sehe ich mich manchmal in einer Sonderrolle, das liegt an meinen palästinensischen Wurzeln und dem damit assoziierten Nahostkonflikt", erzählt Karam. "Ich werde da häufig in eine bestimmte Ecke gestellt." Er distanziert sich von jeglicher Art der Gewalt, muss sich aber häufig für Anschläge im Nahen Osten rechtfertigen. Gerade in jungen Jahren hat er seine Andersartigkeit häufig zu spüren bekommen. "In der Grundschule zum Beispiel musste ich zeitweise das Vaterunser mitbeten. Die Lehrerin hat quasi versucht, mich zwangszuintegrieren." Besonders schlimm fand der Student das jedoch nie, diskriminiert fühlt er sich nicht. "Das Problem, weshalb bei vielen Migranten die Integration nicht funktioniert, liegt darin, dass sie sich in Parallelwelten flüchten. Das ist auch bei diesen Familien in der zweiten Generation noch so", meint Karam. Er war bereits früh mit Deutschen befreundet. "Nur bis zu meiner Kindergartenzeit hatte meine Familie viel Kontakt zu einer arabischen Gemeinschaft." Integration scheitert Karams Meinung nach an gegenseitigen Vorurteilen. "Viele Zuwanderer, nicht nur Muslime, sondern auch Russlanddeutsche und viele andere, schließen sich bewusst aus." Als Lösung sieht er den gezielten Dialog. "Ein Patentrezept gibt es nicht. Man muss sich aufeinander einlassen und versuchen, sich gegenseitig zu verstehen." Der Staat als solcher kann seiner Meinung nach wenig zu einer Verständigung beitragen. "Der Dialog muss von den Menschen kommen. Sie müssen über ihren Schatten springen." Eine multikulturelle Gesellschaft hält der 20-Jährige für möglich und nötig. "Konflikte wird es immer geben, auch in monokulturellen Gesellschaften." In den Zeiten der Globalisierung müsse die Weltgemeinschaft lernen, friedlich miteinander zu leben. Michael Karam sieht sich weder als Palästinenser noch als Deutscher. Er lächelt und erklärt: "In erster Linie fühle ich mich als Mensch."

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