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Politiker
Der alte Dompteur brennt noch für Europa - Trierer Christdemokrat Horst Langes im TV-Gespräch

Horst Langes zeigt ein Foto, das ihn bei einer Papst-Audienz im Mai 2016 zeigt.  
Horst Langes zeigt ein Foto, das ihn bei einer Papst-Audienz im Mai 2016 zeigt.   FOTO: Friedemann Vetter
Trier. Der Trierer Christdemokrat Horst Langes hat jahrzehntelang mitbestimmt, wo es politisch langgeht. Eine Meinung hat der bald 90-Jährige immer noch. Von Rolf Seydewitz

„Schlitzohr“, „Strippenzieher“, „kompromissloser Europäer“, „Mann der klaren Ansagen“ – die Liste der Attribute, mit denen Weggefährten den Trierer Christdemokraten Horst Langes bedacht haben, ist lang. Am Sonntag feiert der langjährige EU-Parlamentarier und Staatssekretär seinen 90. Geburtstag – und die Schlange der prominenten Gratulanten in der Europäischen Rechtsakademie dürfte ebenso lang sein. Der frühere EU-Kommissionspräsident Jacques Santer wird erwartet, daneben der emeritierte polnische Weihbischof Tadeusz Pieronek, CDU-Landeschefin Julia Klöckner und vielleicht auch, wenn es die diversen innereuropäischen Krisen zulassen, der amtierende EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, ein langjähriger Freund des auch mit 90 noch äußerst rüstigen Jubilars.

Wie agil und auch durchsetzungsfähig Horst Langes zur Hochzeit seines politischen Wirkens gewesen sein muss, zeigt der Blick auf ein 40 Jahre altes Wahlplakat, mit dem der Trierer Christdemokrat bei seiner Kandidatur fürs erste Europaparlament für sich geworben hat und das nun der Einladung zum Geburtstagsempfang beigefügt wurde. Darauf ist ein ernst dreinblickender Dompteur Horst Langes zu sehen – mitsamt Peitsche und Reifen, durch den das auf einem Stier heranreitende Mädchen Europa springen soll. „Na wird’s bald, Europa!“, ist das Plakat überschrieben.

Wie es seinerzeit bei den Wählern ankam, ist nicht bekannt. Jedenfalls schaffte der bis dahin als Staatssekretär im Mainzer Kulturministerium angestellte Horst Langes 1979 auf Anhieb den Sprung ins EU-Parlament, dem er bis 1994 angehörte und dessen Ehrenmitglied er ist. „Ein begeisterter und kompromissloser Europäer“, wie ihn sein Nachfolger Werner Langen einst bezeichnet hat, ist der Trierer Christdemokrat immer noch. „Europa ist die Kraft, die uns inzwischen fast 75 Jahre den Frieden gebracht hat“, sagt Langes und fügt hinzu: „Das ist immer noch das Wichtigste, vorher haben sich die Länder Europas jahrhundertelang bekriegt.“ Dass derzeit in vielen Ländern Europas gerade nationalistische und rechtsextreme Gruppierungen Zulauf bekommen, hängt für Horst Langes unter anderem damit zusammen, „dass wir zu bequem waren, zu überzeugen“. Zudem habe man es beim Umgang miteinander in der Europäischen Union manchmal an der nötigen Sensibilität fehlen lassen, sagt der erfahrene Parlamentarier.

Natürlich machten auch Länder wie Polen oder Ungarn Fehler, geht der fast 90-Jährige auf die aus diesen Ländern kommende Kritik an der EU ein. Aber warum das so sei, könne man nur verstehen, wenn man deren Geschichte kenne, bittet Osteuropa-Experte Langes um Verständnis.

Der Werdegang des gebürtigen Koblenzers nötigt Respekt ab: Im Zweiten Weltkrieg wurde er als Luftwaffenhelfer verwundet, geriet in Gefangenschaft, holte 1948 das Abitur nach und studierte in Mainz und München Germanistik, Geschichte, Philosophie und katholische Theologie. Als Lehrer in Trier trat Langes in die CDU ein, wurde mit gerade einmal 33 Jahren Vorsitzender der Stadt-Partei – und blieb es mehr als ein Vierteljahrhundert. 1967 wurde der fünffache Vater zusätzlich in den Landtag gewählt, sieben Jahre später wurde er Staatssekretär im Kabinett von Ministerpräsident Helmut Kohl. An die Ernennung kann sich Horst Langes auch 44 Jahre später noch gut erinnern. Als er darauf einen ausgeben wollte, habe ihm die Kohl-Vertraute Juliane Weber geraten, statt Bier doch lieber einen Schokoladenkuchen zu spendieren. Langes tat wie ihm geheißen – und punktete damit beim späteren Bundeskanzler.

Wo auch immer in der Politik Horst Langes aktiv war, gehörte er immer schnell zu den „Entscheidern“. Mit Heinrich Holkenbrink, Otto Theisen und Carl-Ludwig Wagner formte er ein Vierteljahrhundert lang eine CDU-Quadriga, deren Lobby-Qualitäten der Region Trier mancherlei Sonderbonus bescherten. So auch Langens Steckenpferd, die Europäische Rechtsakademie, in die die Trierer CDU für Sonntag zu einem Empfang eingeladen hat.

„Statt Geschenken bittet der Jubilar um Spenden für Spielzeug für Kinder in Flüchtlingslagern“, steht auf der Einladung. Dass Horst Langes damit ein Zeichen setzen will, darf man annehmen. Auf den „Wir schaffen das“-Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel angesprochen, sagt der CDU-Altvordere, dass er die scheidende Parteivorsitzende immer unterstützt habe – „auch als sie diesen Satz gesagt hat“. Es zeichne schließlich „uns Deutsche“ aus, etwas mehr Verantwortung zu übernehmen. „Wir sind verpflichtet, anderen zu helfen“, sagt Langes, der auch zu seiner aktiven Politikerzeit nie eine Auseinandersetzung gescheut hat. Langes sei ein Mann mit klaren Ansagen, ohne Scheu vor Konflikten und mit Führungswillen, hat der ehemalige Trierer Oberbürgermeister Helmut Schröer seinen mit zahlreichen Auszeichnungen und Orden geehrten Parteifreund einmal beschrieben. Wenn Langes bei einer Vorsitzendenwahl ein überwältigendes Ergebnis bekommen habe, habe er sich gefragt: Was habe ich falsch gemacht?, so Schröer.

Die beiden Trierer Christdemokraten haben immer noch ein enges Verhältnis. Einmal in der Woche besucht der Alt-OB den schwer sehbehinderten Jubilar, um ihn auf dem Laufenden zu halten und ihm aus der Zeitung vorzulesen. Ansonsten höre er die Nachrichten oder Fernsehdokumentationen, antwortet Langes auf die Frage, wie er sich informiere.

Überflüssig zu erwähnen, dass er augenblicklich mit besonderem Interesse auch den Dreikampf um die Merkel-Nachfolge verfolgt. Und, wer soll das Rennen machen, wenn es nach Horst Langes geht? „Bestimmt nicht der Gesundheitsminister“, antwortet Langes, ohne Jens Spahn beim Namen zu nennen. Und zwischen den beiden anderen, Annegret Kramp-Karrenbauer („Ist stärker, als sie wirkt“) und Friedrich Merz („Rhetorisch fast unschlagbar“) habe er sich noch nicht entschieden. „Aber jeder der beiden kann’s machen“, meint der „erprobte alte Gauner“, wie Helmut Kohl den Trierer Jubilar einst mit einem Augenzwinkern bezeichnet hat.