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Was so alles aus Ikea-Kartons kommt

Was so alles aus Ikea-Kartons kommt

Es gehört zu den berühmtesten Häusern für die moderne Kunst: das New Yorker Whitney Museum. Das Haus in Manhattan stellt eine der wichtigsten Sammlungen amerikanischer Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts aus - ab dem 1. Mai in einem neuen Gebäude, entworfen vom Star-Architekten Renzo Piano.

Renzo Piano sitzt zwischen Wänden aus Glas, den Blick nach draußen, zu den Hochbahngleisen der High Line, und redet von den Achterbahnfahrten der Geschichte. Ob man das wisse, einige der hellen Kieferndielen im Haus stammten aus einer alten Zigarettenfabrik, Philip Morris in North Carolina. Ausrangiert mit der Krise der Tabakbranche, heute für Kunst wiederverwendet, so etwas fasziniere ihn. Oder die Wanderung, die das Museum hinter sich habe. Erst Downtown, dann Uptown, nun zurück nach Downtown. "Der Kreis schließt sich", sagt der 77-jährige Architekt.
Piano hat dem Whitney Museum of American Art ein neues Gebäude errichtet, im Meat packing District, dicht am Hudson River, in einem der angesagtesten Viertel Manhattans. Ein Mischmasch von einem Gebäude, monieren seine Kritiker. Nähert man sich von Norden, lässt es an ein Krankenhaus oder eine Pharmafabrik denken, einförmig und steril mit seiner matt schimmernden Metallhaut. Von der Wasserseite im Westen her wirkt es mit ein wenig Fantasie wie ein Schiff, das am Ufer auf Grund gelaufen ist. Von Osten, wo die Backsteinfassaden der Gansevoort Street englisches Flair verströmen, sieht man einen Wirrwarr aus Terrassen und Treppen, grauer Industriestahl, ein Geflecht, das an New Yorks berühmte Feuerleitern erinnert.
Wie immer, wenn in dieser Stadt ein prominentes Bauwerk eingeweiht wird, mangelt es nicht an Spott. Im Magazin New York lästert einer, "das Ding könnte in Ikea-Kartons angeliefert worden sein, nur dass man die Einzelteile verblüffend falsch zusammengesetzt hat". "Na ja, Journalisten", sagt Piano, lächelt leise und erklärt seine Philosophie. Wichtig sei ihm gewesen, Museum und Stadt zu verbinden. Die Stadt ins Museum zu holen, statt ihr den Rücken zu kehren.
Von zwei Seiten flutet Licht in die Räume. Die Aussicht ist so spektakulär, dass sich manche schon fragen, ob das Whitney nicht eher eine Panoramaplattform mit Bildern wird als eine Bildersammlung mit Panorama. Von einem ausladenden Glasbalkon im fünften Stock, der größten von acht Etagen, geht der Blick über den Hudson zur Freiheitsstatue, dahinter die Suburbia-Welt New Jerseys. Auf der anderen Seite geht er über Dächer voller Klimaanlagekästen, über gelbe Taxis und das Straßengewirr im Westen Manhattans aufs Empire State Building. Links ein Hotel namens Standard, das über den Hochbeeten der High Line aufragt wie das aufgeschlagene Buch eines Riesen. Davor die Laderampe von "Weichsel Beef", ein einsamer Beweis dafür, dass hier einmal in großem Stil Vieh zerlegt wurde. Überall Baukräne. Und Reklame-poster, die für millionenteure Eigentumswohnungen werben.
Direkt am Whitney endet die High Line, eine Bahnlinie, auf der von 1934 bis 1980 Güterzüge verkehrten. Rudy Giuliani, ein Bürgermeister, der die rostige Ruine als Schandfleck empfand, wollte sie abreißen lassen. Joshua David und Robert Hammond, der eine Journalist, der andere Programmierer, retteten sie, indem sie eine Bürgerinitiative gründeten und mit der Zeit prominente Fürsprecher und betuchte Spender gewannen.

Ein paar Straßen nach Osten, im Greenwich Village, gründete Gertrude Vanderbilt Whitney 1907 ein Atelier. Erbin einer der wohlhabendsten Familien Amerikas, verheiratet mit dem Geschäftsmann Harry Payne Whitney, rieb sie sich an der "großen Stagnation des Reichtums", wie sie das soziale Korsett ihrer Kreise charakterisierte. Freiräume suchte sie in einem Studio, in dem sie sich selbst als Bildhauerin versuchte, das zugleich Künstlersalon war und aus dem 1931 das nach ihr benannte Museum hervorging.
In den Fünfzigerjahren zogen die Galerien der Upperclass-Rebellin an die vornehme Upper East Side, wo ihnen ab 1966 ein resolut moderner Entwurf des Bauhausveteranen Marcel Breuer als Domizil diente. Eine Art umgestülpte Stufenpyramide.
Pianos Whitney, betont der Museumsdirektor Adam Weinberg, hat seine Ausstellungsfläche gegenüber dem alten fast verdoppelt, ein Luxus in Manhattan mit seiner chronischen Platznot. Im Innern stört keine Säule, Trennwände lassen sich nach Belieben verschieben. "Künstler brauchen Flexibilität, sie brauchen Freiheit", strickt der Meister daraus einen Leitsatz, während seine Assistentin hektisch zum Aufbruch drängt, weil ein Fernsehteam aus Frankreich schon zu lange wartet. Als Europäer, sagt Renzo Piano, sei er stolz auf die große Kultur, die reiche Tradition des alten Kontinents. Aber den Freiheitsgeist symbolisiere nun mal Amerika mit seinen unendlichen Weiten, und das habe er irgendwie einzufangen versucht.