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Das Trierer Unternehmen ICP macht ein Millionengeschäft mit Prepaid-Karten.

Technik : „Die Branche ist noch nicht zu Ende gedacht“

Geschenkkarten, PC-Spiel-Guthaben und Handy-Prepaid-Karten: An vielen Kassen und Supermärkten greifen Verbraucher zu. Millionenfach. Profiteur ist häufig auch ein regionales Unternehmen: die ICP Transaction Solutions aus Trier, Europas inzwischen zweitgrößter Akteur in der Branche.

Wenn an Weihnachten der Christbaum leuchtet und die Lieben beschenkt werden, dann erzeugen nicht nur liebevoll verpackte Päckchen leuchtende Augen bei den Beschenkten. Häufig sind es Gutscheine in Form von Geschenkguthaben und Wertkarten, die den Angehörigen und Freunden zum Fest der Feste eine Freude bereiten sollen. Kaum jemand weiß, dass ein regionales Unternehmen, die ICP Trans­action Solutions aus Trier, seine Finger dabei häufig mit im Spiel hat. Denn Europas zweitstärkster Akteur der Branche fungiert dabei als Distributor und Wiederverkäufer von Warenwerten, die auf den Karten gespeichert sind.

Begonnen hat alles vor 21 Jahren, als ICP-Chef Matthias Schneider mit dem Unternehmen EVS und der Marke Trendycash in das Geschäft der Prepaid-Karten eingestiegen ist. „Ich bin selbst überrascht über unser Wachstum. Niemand hatte damals gedacht, dass unser Start-Up so lange trägt“, sagt der 65-Jährige rückblickend. Aber das Geschäft bleibe attraktiv – und aufregender als je zuvor.

Als die Tech-Branche und New Economy gerade erst ins Bewusstsein der Bevölkerung gerückt ist, sieht Schneider, dass auf Kontinenten wie Asien und Afrika der Prepaid-Gedanke etwa als Grundversorgung der Bevölkerung mit Telekommunikationsprodukten längst verankert ist. „Wir haben keine große Prepaid-Kultur“, bedauert der Unternehmer. Doch mit dem Start des Segments in Deutschland über Rubbelkarten und Codes „hatten sich Märkte und Kunden gefunden“, sagt er.

Als der Tankstellen-Riese Aral mit 2500 Standorten in Deutschland der erste Kunde wird, gewinnt die Branche an Fahrt. Lottoannahmestellen kommen dazu und vergrößern die Zahl der Verkaufsstellen. Liegt der Umsatz nach dem ersten Geschäftsjahr bei fünf Millionen Euro, hat er sich innerhalb eines Jahres mehr als versiebenfacht.

Auch anonymes Bezahlen – heute vom Betrag her limitiert – sichert neue Geschäfte. „Deutschland ist ein Bargeldland, indem die Bürger ihr finanzielles Risiko begrenzen. Das heißt, dass freitags, wenn Lohn oder Sozialhilfe ausgezahlt werden, unsere Umsätze steigen“, weiß Schneider aus Erfahrung. Die andere Seite der Medaille betreffe die Welt der Investoren, die auch riskante Geschäfte nicht scheue.

Eigene Erfahrung macht das Unternehmen in der Finanzkrise, als das Unternehmen längst als Tochter des irischen Tech-Konzerns Alphyra und später unter dem Namen Payzone (damals auch Sponsor von Fußballverein Eintracht Trier) mit zerschlagen wird. „Unser Unternehmensteil war zwar immer profitabel, kam aber mit unter die Räder“, sagt der Manager. Eine private Investorengruppe unter Scheiders Beteiligung kauft 2017 aus der ICP-Gruppe den Unternehmensteil mit Namen ICP Transaction Solutions mit Sitz in Trier auf. Inzwischen ist daraus eine Holding (Digital Reload) mit acht Unternehmensteilen in Deutschland, der Schweiz, Tschechien, Polen, Slowenien, den Niederlanden und Luxemburg sowie 80 000 Verkaufsstellen geworden. Matthias Schneider als Gründer der Vorgängerunternehmen ist Chef der Holding, zu der auch in Merzig die M&M Werbeagentur gehört, und Hauptgeschäftsführer der ICP Transaction Solutions in Trier. Rund 200 Beschäftigte gibt es, etwa 65 davon arbeiten an der Mosel, 75 im Saarland.

Welche Dynamik hinter dem Markt steckt, zeigt, dass neben den klassischen Prepaid-Aufladungen für Mobilfunktelefone eine immer umfangreicher werdende Produktpalette von Transaktionslösungen, Geschenk- und Guthabenkarten sowie Kundenbindungsprogrammen wie auch die Aktion „Heimat Shoppen“-Card (der TV berichtete) angeboten wird. Allein in Deutschland bietet ICP rund 250 verschiedene Produkte an. Zu Beginn der Tätigkeit waren es lediglich vier. „Unsere Stärke liegt darin, dass wir jedes Produkt über eine dreistufige Vertriebskonstellation und fünf zwischengeschaltete Partner abrechnen können. Wir treten an die Stelle des Händlers und bündeln die Transaktionen, ohne dabei jemals selbst mit dem Endkunden in Kontakt zu treten“, sagt Schneider.

Wer also unter anderem bei der Deutschen Post, bei Edeka, Lotto oder Netto eine Guthabenkarte einkauft, erwirbt nicht nur einen Wert bei Bekleidungsmarken, Parfümerien oder Online-Spielen, sondern zahlt auch für deren Bereitstellung – an ICP Transaction Solutions in Trier. „Dies ist ein Massengeschäft, das sich wie der Zigaretten- und Kaugummi-Verkauf in der Nähe der Kasse abspielt“, sagt der Geschäftsmann. „Wir glauben an die Karte.“ Und die zahlen geben ihm Recht: 2018 lag das abgewickelte Kartenvolumen bei einer Milliarde Euro, es gab 100 000 Verkaufsstellen und rund 100 Millionen Transaktionen im Jahr.

Und was hat Corona in diesem Jahr für das Unternehmen bedeutet? „Zu Anfang hatten wir große Sorgen, Lieferanten sagten uns ab. Aber: Die Kunden haben nicht nur Toilettenpapier gehamstert. Die Leute haben auch Handy- und Spieleguthaben bevorratet“, sagt Matthias Schneider. Teilweise habe es bei einzelnen Produkten eine Umsatzverdoppelung gegeben. „Wir hatten drei Monate hohe Abverkäufe und haben nicht gelitten. Während andere Länder wie die Niederlande und Polen Einschnitte verzeichnen, liegen wir in Deutschland insgesamt rund zehn Prozent höher im Umsatz.“

Dabei zeigen sich zwei Trends: erstens sogenannte Stellvertreterkarten, mit denen man erst nach Kauf eine Leistung freischalten kann. „Der Handel braucht etwas Haptisches, etwas zum Anfassen. Somit machen Handykarten 30 bis 40 Prozent dieser zumeist aus Pappe bestehenden Karten aus“, sagt Schneider. Hinzukommen nur noch online und digital stattfindende Einkäufe, vor allem jüngerer Kunden. „Wir werden uns künftig von der physischen Kasse immer mehr verabschieden. Der Handel wandelt sich massiv. Da lässt sich viel an Komplexität sparen“, ist der Unternehmer überzeugt. So könne sein Unternehmen in jedes deutsche Kassensystem hinein seine Produkte verkaufen – sofern der Kunde dies wolle.

 Solche Ständer und Displays mit Wert- und Guthabenkarten für Händler, Handyeinheiten und Spielevolumen haben die meisten bereits im Supermarkt an den Kassen gesehen. In Trier hat einer der europaweit größten Vermarkter dieser Branche seinen Standort.
Solche Ständer und Displays mit Wert- und Guthabenkarten für Händler, Handyeinheiten und Spielevolumen haben die meisten bereits im Supermarkt an den Kassen gesehen. In Trier hat einer der europaweit größten Vermarkter dieser Branche seinen Standort. Foto: Sabine Schwadorf

Und auch die Zukunft hat ICP Transaction Solutions mit der Holding im Blick: das sogenannte Internet der Dinge, IOT genannt. „Schon heute finden sich auf vielen Produkten des täglichen Einkaufs sogenannte QR-Codes. Dahinter versteckt sich für den Kunden meist ein Zusatznutzen wie Gewinnspiele oder Rezepte. Doch dieses Segment ist noch lange nicht zu Ende gedacht“, ist Schneider überzeugt. Hier gehe es um Kundenbindung. So stellt er sich etwa Rabattaktionen oder andere Formen der Kundenbindung vor. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. „Das wird kommen.“