Beschallung gegen Wildschäden: Anwohnerin klagt über nächtliches Wolfsgeheul vom Band

Jagd : Jäger vertreibt Wild mit Wolfsgeheul

Im Wald bei Paschel spielt ein Jäger nachts Geräusche per Lautsprecher ab. Damit will er vor allem Wildschweine fernhalten, die auf den Feldern große Schäden anrichten. Anwohner beklagen, dass ihnen die Beschallung den Schlaf raubt.

Erst ertönt ein Pfeifen, dann folgen Wolfsgeheul, Hundegebell, laute Stimmen, Metallscheppern, Glockengeläut und ein Jagdhorn. Diese Geräusche, per Lautsprecher wiederholt abgespielt, haben Lisa Stelzmann nachts den Schlaf geraubt. Am 4. Januar gegen 4.30 Uhr hörte sie die Geräuschserie zum ersten Mal: „Der Lärm kam aus Richtung Wald. Ich dachte, es wäre eine Treibjagd“, sagt Stelzmann, die in der Pascheler Siedlung Benratherhof wohnt. Noch am selben Tag habe ihr ein Landwirt erzählt, dass die nächtliche Beschallung von einer Anlage stamme, die ein Jäger am Hochsitz hinter ihrem Haus montiert habe. Damit wolle er Wildschweine vertreiben.

Das Problem Der Hochsitz liegt etwa 80 Meter vom Haus der Stelzmanns entfernt, dazwischen liegt ein Weiher. „Das Wasser und die Tallage haben den Schall verstärkt“, sagt Lisa Stelzmann. Auch ihr Mieter Bruno Eyler hat nachts die Geräusche gehört: „Ich dachte, da feiert jemand eine Party.“ Nur dank Oropax habe er schlafen können. In der folgenden Woche sei die Anlage wieder gelaufen, drei Nächte in Folge. „Man hat es durch die geschlossenen Fenster gehört. Ich habe die Polizei gerufen, die waren auch fassungslos“, sagt Stelzmann.

Inzwischen ist es wieder ruhig. Die Verbandsgemeindeverwaltung in Kell am See kontaktierte den Pächter des Jagdreviers, der in Nordrhein-Westfalen lebt. Der von ihm beauftragte Berufsjäger stellte die Anlage ab. Aktuell läuft ein zweites Gerät einige Hundert Meter entfernt nahe der Siedlung Steinbachweier.

Die Vorschriften Laut Martin Alten, Bürgermeister der VG Kell, müssen solche Beschallungsgeräte von der Verbandsgemeinde genehmigt werden. Grundlage dafür sei das Landesimmissionsschutzgesetz, nach dem Geräuschquellen im Freien in Dorf- und Mischgebieten nachts die Lautstärke-Marke von 45 Dezibel nicht überschreiten dürften. Büroleiter Norbert Willems war mit einem Messgerät vor Ort, als das Gerät am Benratherhof lief: „Die Richtwerte waren geringfügig überschritten“, sagt er. Deshalb setze der Jäger nun die weiter entfernte Anlage in Steinbachweier ein. „Von dort gab es bisher keine Beschwerden.“ Zwar sei für beide Geräte keine Genehmigung beantragt worden. Die VG bestehe aber nicht nachträglich darauf, solange die Lärmrichtwerte eingehalten würden. „Die Sache hat sich ohnehin bald erledigt“, sagt Willems. Am 31. März laufe das jetzige Jagdpachtverhältnis aus und werde wohl nicht verlängert.

Das sagen Jäger Der Berufsjäger, der die Geräte aufgestellt hat, möchte nicht namentlich genannt werden. Gegenüber dem TV betont er, dass das Gesetz die von ihm genutzten akustischen Möglichkeiten zur Vergrämung der Tiere erlaube. In Paschel setze er außerdem noch spezielle Duftstoffe ein, die das Wild vertreiben. Die Jäger und Jagdpächter hätten zurzeit mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Durch milde Winter und ein Überangebot an Futter sei die Zahl des Schwarzwilds stark gestiegen. Vielerorts müssten die Jagdpächter die Entschädigungen für Wildschäden auf Äckern an die Landwirte zahlen. Durch Jagd allein lasse sich das Problem nicht lösen – zumal „in finsterer Nacht unsere Möglichkeiten begrenzt sind“. Und die Alternative, alles einzuzäunen, sei kostspielig.

Hinter der Terrasse der Stelzmanns in Benratherhof gleich hinter diesem Weiher steht der Hochsitz (rechts zwischen den Bäumen). Dort war eine Beschallungsanlage  installiert. Foto: Trierischer Volksfreund/Christa Weber

Er sei an einem „guten Konsens mit Bauern und Anwohnern“ interessiert, sagt der Jäger. Die Landbevölkerung stehe ohnehin mehrheitlich hinter dem Handeln der Jäger, „weil sie die Problematik kennen“. Landwirte meldeten sich sogar bei ihm, wenn die Geräte einmal ausfielen. Laut dem Jäger sind die Beschallungsanlagen nicht generell genehmigungspflichtig. Ein entsprechendes Verfahren nehme zudem viel Zeit in Anspruch. Angesichts des bald auslaufenden Pachtverhältnisses habe man daher mit der VG abgesprochen, dass die Geräte bei Einhaltung der Lärmgrenzwerte laufen dürften.

Laut Heinz Schulten, Vorsitzender der Kreisgruppe Trier-Saarburg im Landesjagdverband Rheinland-Pfalz, ist die Beschallung „mit Sicherheit keine gängige Methode“ der Jäger vor Ort. „Die Tiere ändern dadurch nur die Stelle, an der sie fressen.“ Dringend nötig seien höhere Abschüsse bei Wildschweinen (siehe Info). Bislang sei aber vieles, was dazu beitragen könnte, verboten. Hinzu kämen „schlechte Absatzmöglichkeiten“ für die erlegten Säue. Aktuell gebe es 30 Cent pro Kilogramm Fleisch. Manche Reviere seien kaum noch zu verpachten.

Das sagen Landwirte Einer der betroffenen Landwirte bestätigt, dass sich das Wildschaden-Problem verschlimmert habe: „Dieses Jahr ist es extrem. Die Schweine wühlen alles um, auch da, wo sie vorher nie waren.“ Der Schaden gehe „in die Tausende Euro“, sagt der Mann, der sich nicht namentlich äußern will. Die Beschallung am Benratherhof habe zwar Wirkung gezeigt. Für die direkten Anwohner, sagt der Landwirt, sei es aber „schon ziemlich laut“ gewesen. Günter Pütz, Landwirt in Steinbachweier, empfindet die dortige Anlage als „nicht allzu laut“. Sie sei 200 bis 400 Meter von den Häusern entfernt. Anfangs hätten Nachbarn nachgefragt, aber nur, weil sie die Geräusche nicht hätten einordnen können. Auf seinen Feldern, sagt Pütz, herrsche „zu 100 Prozent Ruhe“, seit das Gerät laufe.

Das sagt die Anwohnerin „Ich sehe auch die Wildschäden auf den Wiesen“, sagt Lisa Stelzmann. Dennoch dürften Methoden zu deren Vermeidung nicht die Anwohner belasten. Zudem zweifle sie an der Effektivität der Beschallung. „Das Problem wird doch damit nur verlagert.“ Sie sei dankbar, dass das Gerät hinter ihrem Haus abgestellt sei. Sie fürchte aber, „dass das Thema für uns nicht vom Tisch ist“. Der nächste Pächter setze vielleicht wieder Beschallung ein. „Ich finde, es müsste bessere Vorschriften geben, um die Gesundheit von Mensch und Tier im Umfeld solcher Geräte zu schützen.“

Mehr von Volksfreund