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"100 Jahre - das ist noch nicht so lange her"

"100 Jahre - das ist noch nicht so lange her"

Ein halbes Jahr lang haben Theaterleute und Studierende der Universität Trier an zwei Inszenierungen zum Ersten Weltkrieg gearbeitet. Das Ergebnis gibt es am Sonntag, 19.30 Uhr, im Großen Haus zu sehen. Dafür wurden Berge von Dokumenten im Trierer Stadtarchiv gesichtet und für die Bühne aufbereitet. Ein faszinierendes Projekt - für beide Seiten.

Trier. Ein ganzer Kontinent in Schutt und Asche, Millionen Tote und Verwundete: Der Erste Weltkrieg gilt als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Wie haben die schrecklichen Vorgänge ab 1914 das Leben der Menschen in Trier beeinflusst? Und wie konnte es überhaupt zu diesem Krieg kommen? Damit befassen sich zwei Produktionen des Theaters Trier, die am Sonntag, 26. Oktober, 19.30 Uhr, im Großen Haus aufgeführt werden (der TV berichtete).
"Wahnsinn wäscht die Hände - Europa macht mobil" heißt der erste Teil, inszeniert von Intendant Gerhard Weber und Musikdramaturg Peter Larsen. Darin werden historische und literarische Quellen aus der Phase kurz vor Kriegsausbruch zu Dialogszenen verdichtet. Dazwischen verliest der bekannte Schauspieler Michael Mendl Briefe von Staatsoberhäuptern. Im zweiten Teil werden unter der Regie von Peter Oppermann und Steffen Lars Popp Zeitzeugenberichte und historische Dokumente aus dem Trie rer Stadtarchiv zu einem Bühnenstück verknüpft.
Beide Inszenierungen sind in enger Zusammenarbeit mit dem Historiker Christian Jansen und Studierenden des Fachs Neuere Geschichte an der Universität Trier entstanden. Ein halbes Jahr lang haben die Studierenden im Rahmen eines Seminars in Archiven gestöbert, Plakate, Schulakten und Feldpostbriefe gelesen und ausgewertet und Vorschläge für ihre szenische Umsetzung gemacht. Für Jansen eine außergewöhnliche Kooperation: "Es wird an der Uni nicht oft geboten, dass man im Archiv mit Originaldokumenten arbeiten kann", schwärmt er. "Und das Ergebnis wird auch noch als direkter Output auf die Bühne gebracht." Für die etwa 20 Studierenden, die sich aktiv beteiligt hätten, sei dies eine "wertvolle Erfahrung" gewesen.
Zu ihnen zählt Lynn Redlinger, Geschichtsstudentin im fünften Semester. "In meinem Freundeskreis wird eher über den Zweiten Weltkrieg geredet, auch die Medien konzentrieren sich darauf. Es hat mich gereizt, mehr über den Ersten Weltkrieg, speziell in unserer Region, zu erfahren", beschreibt sie ihr Interesse am Projekt. Im Stadtarchiv hat die 23-Jährige Schulakten des Trierer Max-Planck-Gymnasiums aus den Jahren 1914-1918 durchforstet - und ist davon tief beeindruckt: "Die Schüler konnten ein Not-Abitur ablegen, um sofort ins Heer eintreten zu können. Das ging schon ab dem 5. August 1914!" Die Akten seien zudem gut erhalten: "Diese handgeschriebenen Zeilen sind bereits 100 Jahre alt. Damit zu arbeiten, haben wir als Ehre empfunden."
Von diesem Respekt zeugt auch eine Diskussion mit Seminarteilnehmern, die das Theater - anonymisiert - aufgeschrieben hat. Darin werden die jungen Leute gefragt, was die Theaterstücke über den Krieg vermitteln sollen: "Was es so schockierend macht, ist, dass es einfach noch nicht so lange her ist. 100 Jahre sind nicht lang", lautet eine Antwort. Ein anderer meint: "Es ist nichts, was ganz abstrahiert im Geschichtsbuch steht. Es war Alltag, der hier so stattgefunden hat." Das müsse deutlich werden, ebenso die persönlichen Schicksale.
Für Dramaturg Peter Oppermann war die "intensive Zusammenarbeit" mit den Studierenden eine "absolute Bereicherung". Zwar habe es schon mehrfach Kooperationen mit der Uni gegeben, etwa bei den vier Auflagen des Theaterfestivals Maximierung Mensch: "Aber das hatte jetzt eine ganz andere Kontinuität. Das war in der letzten Spielzeit der Ära Weber noch mal eine Art Schluss- und Höhepunkt." cweb