Der Romeo-Rap

"Romeo und Julia" könnte ein Hit der Jugend-Literatur sein - wäre Shakespeares tragische Liebesgeschichte nicht über die Jahrhunderte zum betulichen "Klassiker" mutiert. Das Theater Trier will mit seiner Neu-Produktion das Stück wieder da verorten, wo es eigentlich herkommt. Am Samstag ist Premiere.

Trier. Über die Bühne wummern Rap-Rhythmen. Tybalt, der Neffe der Capulets, provoziert Belvolio, den Freund der Montagus. Die verfeindeten Cliquen der beiden giften sich an. Nicht lange, dann wird es hier eine Massenschlägerei geben wie beim Dorffest oder in der Großstadt-Disco. Und dann fliegen nicht nur die Bierdosen, sondern auch die Fäuste.

Die Szenerie hat mehr mit Jugendkultur anno 2008 zu tun als mit dem Verona der Früh-Renaissance - und ist doch Wort für Wort Shakespeare, in der frischen Neu-Übersetzung von Frank Günther. Mit dessen Texten muss sich auch Violetta Mohr herumschlagen. Die 17-jährige Schülerin gehört zur Capulet-Clique und ist eine von mehr als zwanzig Jugendlichen und Kindern, die Regisseur Gerhard Weber in seine Produktion integriert hat. Auf der Bühne hat sie schon öfter gestanden, anders als Rachel Strittmatter (15). Aber das Rappen ist für beide neu. "Es klappt jetzt schon ohne Textbuch", sagen sie nach dem Soundcheck erleichtert - es sind ja auch nur noch ein paar Proben bis zur Premiere.

Wie die 18-jährige Doris Merten kennen die meisten der jugendlichen Mitwirkenden das Stück nur aus der Schul-Lektüre oder der Verfilmung mit Leonardo di Caprio. Dass die Trie rer Inszenierung die Sache entstaubt, finden sie gut. "Ich hoffe nur, dass es auch zu Leuten aus unserer Altersgruppe durchdringt", sagt Violetta Mohr. Das hofft auch der Regisseur, vor allem in seiner Eigenschaft als Intendant. "Die Leute mitnehmen, die das Stück als erste angeht", ist seine Intention. Dabei muss er aber auch das Abo-Publikum im Auge behalten - ein Spagat.

Spagat zwischen junger Zielgruppe und Abonnenten



Sprachlich gesehen, hat sich Weber auf seine jungen Mitstreiter einpegelt. Vom "Thrill der Liebe" spricht er, vom "geilen Drive", den das Stück habe, von Shakespeares "irren Texten". Und von dem Konflikt zwischen gesellschaftlichen Zwängen und menschlichen Interessen, den es auch heute noch gebe. So sieht es auch seine "Julia" Antje Härle, die neben Jan Brunhoebers "Romeo" ihren Einstand als neues Ensemble-Mitglied gibt. "Ja, klar" komme das auch heutzutage vor, "und nicht nur in anderen Kulturkreisen", sagt sie. Und schiebt zur Bestätigung gleich eine Geschichte aus dem persönlichen Umfeld hinterher.

Eine typische Julia stellt man sich ganz anders vor als die junge Schauspielerin, die aus Tübingen stammt und in Trier ihr erstes Festengagement antritt. Kurzer, blonder Haarschopf, vorwitzige Nase, burschikoses Kinn, dazu äußerst wache, pausenlos umherschweifende Augen: Da denkt man, wenn's denn Shakespeare sein soll, eher an König Lears aufsässige Tochter Cordelia oder die widerspenstige Katharina.

Offenbar kein Zufall, wollte Weber doch keinen madonnenhaften Opfer-Typ für seine weibliche Hauptrolle, sondern einen selbstbewussten Teenager. Da ist er bei Härle genau richtig, denn die empfand die Julia ursprünglich gerade wegen des Rollenklischees keineswegs als Traumpartie. Nicht einmal lesen mochte sie das Stück, und an der Schauspielschule habe man sich oft über "all diese Julias, Gretchens und Käthchens lustig gemacht". Das hat sich im Verlauf der Arbeit an der Trierer Aufführung gründlich geändert. Erst jetzt habe sie gemerkt, "wie viel das mit mir zu tun hat". Was sie fasziniere, sei "diese Unbedingtheit, bei der es um Leben und Tod geht". Die Premiere am Samstag wird zeigen, ob das Publikum sich anstecken lässt.

Premiere am 4. Oktober, nächste Vorstellungen am 7., 11., 15., 22., 25. und 31. Oktober.