Die nächste Überraschung lauert schon

Die nächste Überraschung lauert schon

Abenteuer Archäologie: Seit mehr als 200 Jahren wird in Trier wissenschaftlich gegraben, aber die Geschichte der römischen Stadt ist noch längst nicht zu Ende erzählt.

Was trennt die Gegenwart von der Antike? 2000 Jahre vielleicht - oder, wie so oft in Trier, zwei, drei Meter. Manchmal auch viel weniger. Wer in Trier baut, muss auf Überraschungen gefasst sein. Überall im Boden lauern Hinterlassenschaften der Römer. Und das in so geballter Form wie sonst nirgendwo in Deutschland.
Denn Trier ist nicht nur die älteste Stadt auf deutschem Boden, gegründet um 17. v. Chr. als Augusta Treverorum - Stadt des Kaisers Augustus im Land der Treverer. Sie war mit bis zu 50.000 Einwohnern im vierten Jahrhundert zugleich die größte Metropole nördlich der Alpen. Und: Kaisersitz. Von 293 bis 392 residierten Herrscher des römischen Westreichs in Treveris, wie die Stadt nun hieß.

All das hat Spuren hinterlassen, die selbst Germanenstämme und Normannen, die Trier später plattgemacht haben, ebenso wenig auslöschen konnten wie die schweren Bombardements im Dezember 1944. Aber: Trotz aller Bekenntnisse des Landes Rheinland-Pfalz zu Trier als "Zentrum der Antike" war und ist Archäologie kein Selbstläufer. Gegraben wird in aller Regel nur im Vorfeld von Bauprojekten: Erst sondieren Archäologen das Terrain. Seit 1995 gibt es klare Spielregeln. Vorher tummelte sich das Landesmuseum als "grabendes Museum" fast ausschließlich mit eigenem Personal auf den künftigen Baustellen, was aber auf Dauer keine Lösung war.

"Zeitweilig ging es ganz schön rund", erinnert sich Lukas Clemens. Der 56-jährige Geschichtsprofessor an der Uni Trier stand von 1993 bis 2004 in Diensten des Rheinischen Landesmuseums und leitete zahlreiche Ausgrabungen. Die Entspannung kam mit der Einführung von Investorenverträgen. Bauherren beteiligten sich finanziell an den Kosten für die wissenschaftlichen Arbeiten und versetzten das Landesmuseum damit in die Lage, zusätzliches Personal anzuheuern. "Nur so war es möglich, bis zu drei Großgrabungen parallel zu bewerkstelligen, wie zum Beispiel vor dem Bau des City-Parkhauses, der Residenz am Zuckerberg und im Palais Walderdorff."

Das Prinzip ist einfach: Die Investoren "erkaufen" sich Planungssicherheit. Die Wissenschaftler verpflichten sich im Gegenzug, bis zu einem festgelegten Termin das Feld zu räumen. Es sei denn, spektakuläre Funde würden zutage treten. Dann wäre eine Fristverlängerung drin.

Die Beteiligungsverträge sind keine Landesmuseums-Spezialität mehr: Im 2008 neu gefassten Denkmalschutzgesetz ist das Investorenprinzip verankert. Faustregel: Bei Vorhaben ab einem Gesamtvolumen über 500.000 Euro wird ein Prozent der Bausumme für die Archäologie fällig. Das, so Clemens, erleichtere "das Geschäft wesentlich. Vor 1995 konnten wir allenfalls einen zweiwöchigen Baustopp verhängen. Was wir auch mehrfach getan haben. Insbesondere dann, wenn man versuchte, uns auf der Nase herumzutanzen und am Wochenende mal schnell Fakten zu schaffen. Einige Kollegen und ich sind öfter samstags auf Baustellen überraschend aufgetaucht und haben uns genau angeschaut, was da vor sich ging."

Für Clemens ist es "ein Jammer", dass die Investorenverträge und die breite Einsicht in die Notwendigkeit von Ausgrabungen "so spät" kamen: "Früher ging vieles oft hopplahopp und unter Ausschluss der Wissenschaft. Die Warenhäuser etwa und die Europahalle, die ja genau auf dem Areal des römischen Forums steht, sind viel zu schnell hochgezogen worden. Dabei ging viel hochkarätige historische Substanz kaputt. Das würde heute nicht mehr vorkommen."

Was hingegen immer wieder vorkommt, sind extrem spannende Funde, die nicht Profis machen, sondern Amateure. "Archäologe Zufall" (quasi der Amtskollege von Kommissar Zufall) hat in jüngerer Vergangenheit spektakuläre Erfolge erzielt. Hobbygräber waren es, die 1993 den größten römischen Goldschatz (fast 3000 Geldstücke) entdeckten, und ein Baggerfahrer hatte ein Jahr zuvor - ebenfalls in Abwesenheit von Museumsleuten - ein wahres Prachtstück von spätantikem Silbergefäß aus dem Boden geholt, die sogenannte Apostelkanne, die nicht zufällig zu den herausragenden Exponaten der laufenden VorZeiten-Ausstellung in Mainz gehört.

Wer glaubt, dass das Trierer Erdreich so langsam mal Römer-freie Zone und die Geschichte auserzählt sein müsste, der irrt nach Einschätzung von Lukas Clemens gewaltig. "Es gibt noch so viele offene Fragen. Zum Beispiel die, wo genau der Kaiserpalast gestanden hat. Wir kennen nur zwei Eckbastionen des Palastbezirks: die Konstantin-Basilika und die Kaiserthermen. Aber was war dazwischen? Wo wohnten die Imperatoren?" Eine Antwort könnte allenfalls eine großflächige Grabung auf dem Palastgarten-Areal bringen, die freilich nicht in Sicht ist.

Ebenfalls auf der "Vermisstenliste": der imperiale Grabbau, den Konstantin für seinen Vater Constantius Chlorus baute, und das Hauptheiligtum, der Kapitolstempel. Von beidem wird noch in mittelalterlichen Quellen gesprochen. Auch vom Circus, der großen Pferderennbahn weiß man, dass es ihn gegeben hat. Aber nicht, wo genau im Osten der Altstadt.

Aktuell sind es vor allem die Toten, die sprechen. Bei zwei Grabungen auf dem Gelände des der Porta Nigra vorgelagerten nördlichen Gräberfelds kamen 2016 fast 400 Bestattungen - Urnen und Körpergräber mit teils gut erhaltenen Skeletten - zum Vorschein. "Wir erfahren viel über das Leben und Sterben im römischen Trier", berichtet Stadtarchäologe Joachim Hupe (52). Aber: Auch vermeintliche Antworten werfen Fragen auf. Warum lagen in einem Grab bis zu sieben junge Leute, offenbar hastig verscharrt?

Unter Hupes Leitung wird bald wieder nach Toten gebuddelt. Neuer Wohnkomplex, neue vorherige Untersuchung des Areals. Schauplatz: erneut auf dem römischen Nordfriedhof. Da ist wieder einmal ein stattlicher Ertrag garantiert.
Eine "höchst interessante Ausbeute" erwartet Lukas Clemens von einem Areal, dessen historische Bedeutung erstaunlicherweise offenbar niemand im Trierer Rathaus auf dem Schirm hat". Auf dem Gelände des umstrittenen geplanten Neubaugebiets Brubacher Hof (Stadtteil Mariahof) befindet sich nach seiner Kenntnis eine spätrömische Villa von den Ausmaßen eines Fußballplatzes: "Wer da ein Baugebiet ausweisen will, der wird sich wundern. Da steht eine sehr lange Grabungskampagne ins Haus."

Zum Auftakt 13 Sarkophage

Die Geburtsstunde der deutschen Archäologie schlägt am 4. März 1808 in Trier.

Trier (rm.) Die Geburtsstunde der Archäologie in Deutschland schlägt im Spätwinter 1808 in Trier: Es ist der 4. März, als Mitglieder der sieben Jahre zuvor nach dem Vorbild französischer Akademien gegründeten Gesellschaft für nützliche Forschungen (GfnF) im heutigen Stadtteil Pallien zur Tat schreiten. Rasch sehen sie ihre Vermutungen und Hoffnungen bestätigt. Binnen weniger Tage legen die Ausgräber unter Leitung von Sanderad Müller (1748-1819) 13 Sarkophage frei. Darin gut erhaltene Skelette und Beigaben wie Gläser, Flaschen und Kannen.

Wie bei heutigen Ausgrabungen liegt der Kampagne der GfnF ein Bauprojekt zugrunde. Der französische Ingenieur Pierre Antoine Gautarel, selbst Mitglied der GfnF, ist gerade dabei, die Fernstraße Trier-Lüttich auszubauen (die über die von ihm konstruierte und 1809 eingeweihte Napoleonbrücke führt) und auf Römerrelikte gestoßen. Er ermöglicht seinen geschichtsbewussten Mitstreitern das, was man heute unter einer wissenschaftlichen und methodischen Grabung versteht. Das zum Teil freigelegte Pompeji, wo Sanderad Müller während einer Italien-Reise Station gemacht hat, steht Pate.

Die Fundstücke wandern in die schnell wachsende Sammlung der Gesellschaft. 1887 geht sie ans frisch gegründete Provinzialmuseum (seit 1934 Rheinisches Landesmuseum); das Eigentumsrecht bleibt bei der Gesellschaft, die mit derzeit knapp 850 Mitgliedern weiterhin zu den größten Vereinen Triers zählt.

Einige der Fundstücke aus der Pionierzeit der Archäologie zählen zu den Glanzstücken der Dauerausstellung des Museums, darunter der ebenfalls in Pallien gefundene "Sockel mit opfernder Juno". Felix Hettner (1851-1902), der erste Direktor, hat dem bemerkenswerten Stein aus dem Martinerfeld die prominente Inventar-Nummer 1 gegeben.
Gebuddelt nach Antikem wurde in Trier bereits vor 1808, allerdings oft nach Schatzsucher-Manier. Eine der großen rühmlichen Ausnahmen war der Luxemburger Jesuit und Gelehrte Alexander von Wiltheim (1604-1684), der zahllose Abbildungen auch von Kleinfunden anfertigte. Dem aufmerksamen Beobachter sind auch die Aufzeichnungen zu zwei Trierer Schatzfunden von unermesslichem Wert zu verdanken. Zum einen der größte Hort Tafelsilber (fast 115 Kilo schwer), 1628 beim Jesuiten-Noviziat in der Krahnenstraße gefunden und bald eingeschmolzen. Zum anderen ein enormer Gold- und Silbermünzenschatz aus konstantinischer Zeit, entdeckt 1635 am Neutor.

Um 1785 unternahm Michel Franz Josef Müller (1762-1848), Bruder von Sanderad Müller, eine Grabung am Franzensknüppchen auf dem Trierer Petrisberg und erkannte dessen römischen Ursprung.
Infos zum Verein Gesellschaft für nützliche Forschungen Trier online unter: www.gfnf-trier.de

TV-ARCHÄOLOGIE-SERIE:

SO GEHT'S WEITER


Im vorigen Teil unserer Serie "Abenteuer Archäologie" haben wir einen Blick in die Welt der Kelten geworfen. Im nächsten geht es um die Völkerwanderungszeit, den Übergang von der Römerzeit zum Mittelalter. Der Schatz von Rülzheim erzählt die Geschichte, die mitten hinein führt in die unruhige Zeit der Völkerwanderung.
Texte, Videos und Fotos unter
www.volksfreund.de/vorzeiten
LANDESAUSSTELLUNG
EINEN HALBEN METER HOCH, FAST DREI KILOGRAMM SCHWER

Das Stadtmodell des römischen Trier im Westturm der Porta Nigra ist noch längst nicht vollständig. Von vielen Monumentalbauten wie dem Kapitolstempel weiß man nicht, wo sie gestanden haben. TV-Foto: Roland Morgen. Foto: roland morgen (rm.) ("TV-Upload morgen"
Erst 1992 entdeckt: die Apostelkanne. Sie ist in Mainz ausgestellt. Foto: roland morgen (rm.) ("TV-Upload morgen"
„WER DA EIN BAUGEBIET AUSWEISEN WILL, DER WIRD SICH WUNDERN.“ PROF. DR. LUKAS CLEMENS ÜBER DAS STÄDTISCHE VORHABEN AUF DEM BRUBACHER HOF BEI TRIER-MARIAHOF. Foto: roland morgen (rm.) ("TV-Upload morgen"

Die rund 1600 Jahre Jahre alte Apostelkanne (0,5 Meter hoch, drei Kilogramm schwer) zählt zu den Prachtexponaten des Rheinischen Landesmuseums Trier. Sie gehörte zu einem großen Tafelsilberschatz und hat als einziges Stück überdauert. Der Rest wurde nach seiner Entdeckung 1628 eingeschmolzen. Die Kanne wurde 1992 ebenfalls eher zufällig gefunden. Derzeit ist sie im Mainzer Landesmuseum zu bewundern - in der Ausstellung "vorZEITEN" - Archäologische Schätze an Rhein und Mosel". Die Schau zum 70. Geburtstag des Landes Rheinland-Pfalz zeigt bis zum 29. Oktober bietet einen Streifzug durch 800.000 Jahre wechselvoller Menschheitsgeschichte und ist zu sehen.

Erst 1992 entdeckt: die Apostelkanne. Sie ist in Mainz ausgestellt.

Einen halben Meter hoch und fast drei Kilogramm schwer: Die rund 1600 Jahre Jahre alte Apostelkanne zählt zu den Prachtexponaten des Rheinischen Landesmuseums Trier. Sie dürfte zu einem großen Tafelsilberschatz gehört und hat als einziges Stück überdauert. Der Rest wurde nach seiner Entdeckung 1628 eingeschmolzen. Die Apostelkanne wurde 1992 ebenfalls eher zufällig gefunden. Derzeit ist sie im Mainzer Landesmuseum zu bewundern - in der Ausstellung "vorZEITEN" - Archäologische Schätze an Rhein und Mosel". Die Schau zum 70. Geburtstag des Landes Rheinland-Pfalz bietet einen Streifzug durch 800.000 Jahre wechselvoller Menschheitsgeschichte und ist bis 29. Oktober zu sehen.