Heimweh nach Noten

TRIER. Ein volles Haus, was kann man sich als Generalmusikdirektor mehr wünschen für den Saisonauftakt der Sinfoniekonzerte? Zu hören war ein gut gelauntes und sehr motiviertes Orchester und ein interessantes, abwechslungsreiches Programm.

Für die sinfonische Premiere hatte das Orchester den Richard-Wagner-Verband der Stadt Trier als Unterstützer gefunden, weshalb natürlich auch dieser Komponist mit Vorspiel und Isoldes Liebestod aus der Oper "Tristan und Isolde" auf dem Programm zu finden war. Emotionsgeladen erklang das Vorspiel, und spätestens als Vera Wenkert die Bühne betrat, bedauerte man fast, im Sinfoniekonzert und nicht in einer Opernaufführung zu sitzen. Vorbereitet durch den orchestralen Vorspann gelang es Wenkert schnell, die Zuhörer in ein imaginäres Bühnenspiel mitzunehmen. Eine große Stimme des Trierer Ensembles, die es schaffte, dem Konzert trotz ihres relativ kurzen Auftritts einen eigenen, erhabenen Akzent zu verleihen. Das Imaginäre war überhaupt sehr zentral bei diesem Konzert. Eine Reise durch Rom unter besonderer Beachtung seiner Pinien bildete die Grundlage für Ottorino Respi-ghis Tondichtung "Pini di Roma". So wie GMD István Dénes den Notentext umsetzte, war es ein Leichtes, sich mitten in der Villa Borghese oder auf der Via Appia wieder zu finden, der Trauer in den Katakomben nachzuspüren oder den Nachtigallengesang einer Sommernacht zu genießen. Was oft beim Trierer Sinfonieorchester, zu Recht oder zu Unrecht, bemängelt wird, hier fand er sich endlich einmal in vollem Umfang - der große Bogen, der ein Werk umschließt und eine Einheit bildet. Interpretatorische Klarheit vom Dirigentenpult, beantwortet von präziser Umsetzung durch alle Register des Orchesters in technischer und musikalischer Hinsicht. Hier war ein Maler zugange, der es verstand, Farben zu kombinieren, sie virtuos auf die Leinwand zu bringen und dem Betrachter klar zu machen, was er sagen wollte. Ein großes Kompliment gleichermaßen an Dénes und an seine Musiker. Eine eigenwillige, aber durchaus nachvollziehbare Interpretation der "Sinfonie aus der neuen Welt" von Antonin Dvorák zauberte Dénes nach der Pause auf die Trierer Bühne. Gemeinhin wird das Opus 95 immer als die große Verneigung des Komponisten vor der neuen Welt gewertet und als die Geburtsstunde der amerikanischen klassischen Musik. Dénes' Überlegungen, ob nicht viel Heimweh nach Dvoráks Böhmen aus dieser Sinfonie spricht, ist durchaus nachvollziehbar. Zerrissenheit kennzeichnete die Trierer Aufführung. Einerseits der zweifellos große Erfolg in den USA, andererseits die Sehnsucht nach zu Hause, hier das sicherlich faszinierende Neue - da die Verbundenheit mit dem Herkunftsland. Dénes wagte den Spagat und schaffte ihn. Mehrfach musste man aufhorchen und fand sich so gar nicht in den gewöhnlichen Hörbildern der "Neunten" wieder. Von der technischen Seite her folgten auch hier die musikalischen Soldaten ihrem General mühelos und willig. Ein grandioser Beginn der neuen Saison. Darf man hoffen, dass es so weiter geht?