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Herbie Hancock sucht den Frieden

Herbie Hancock sucht den Frieden

Stellen Sie sich vor: Es ist 1971. „Imagine all the people, living life in peace“ – John Lennons gesungene Hippiebotschaft. Der Geist der Zeit, nach dem verlorenen Vietnamkrieg, trägt den Song um den Globus – macht ihn zu einem der bekanntesten Titel überhaupt.

Nun stellen Sie sich vor: Es ist 2010. Mittlerweile ist „Imagine“ so bekannt, dass es von jeder Dorfkapelle auf jedem Weinfest gespielt wird. Trotzdem lädt sich Herbie Hancock den Song auf seinen Synthesizer, holt die Popstars Pink, Seal und Juanes sowie Weltmusik-Stars wie Los Lobos, K’naan oder The Chieftains mit ins Boot und macht den Song zum Konzept eines Albums mit begleitendem Film – „The Imagine Project“. So trägt Hancock Lennons Botschaft in die Rockhal in Esch. 2000 Leute wollten sie hören. Doch mit seinem „Imagine Project“ hat sich Hancock musikalisch keinen großen Gefallen getan – auch wenn hier das Jammern auf hohem Niveau beginnt. Denn zunächst zeigt Hancock bei seinem aktuellen Programm, welche Qualitäten er als Komponist immer noch hat. Beim „The Imagine Project“ zerlegt er Evergreens wie „The Times are a-changing“ (Bob Dylan) in ihre Ingredienzien, mischt sie in eine süß-saure Weltmusiksoße und lässt das Ganze von Ausnahmemusikern servieren – allen voran Lionel Loueke an der Gitarre, Greg Phillingane (Keyboard und Gesang) und Kristina Train, die auch die Parts der Stars Seal und Pink singt. Damit bleibt sich der Jazz-Tüftler Hancock zumindest treu. Dennoch klingt vieles zu sehr wie Kochen nach Rezept – vor allem im Gegensatz zu Hancocks in Esch ebenfalls gespielten älteren Stücken, bei denen die Synthie-Soli fast ins Surreale abgleiten. So plätschern Songs wie „Don’t give up“ oder „Exodus“ in vorweihnachtlicher Kamin-Stimmung vor sich hin. Das titelgebende „Imagine“ bleibt auch in der Hancock’schen Friedensabsicht das wohl überstrapazierteste Lied der Popgeschichte. Was übrigens definitiv nicht für Hancocks größte Hits gilt: Cantaloupe Island als kurzes Zwischenspiel und Watermelon Man als Zugabe lassen das Publikum immer noch zuverlässig grooven – 1971 genauso wie 2010.Patrick Wiermer