Luxemburg : Wo Mensch und Maschine nie stillstehen

Prägend für die Wirtschaft des Großherzogtums: Die Luxemburger Industriellenvereinigung Fedil blickt auf 100 bewegte Jahre zurück.

Industrie in Luxemburg: Damit verbinden viele immer noch die Stahl- und Eisenindustrie im Süden Luxemburgs. Dabei hat es neben der Schwerindustrie im Großherzogtum schon immer andere innovative  Produktionsbranchen gegeben – wie die Tabak- und Zement-Industrie, die Nahrungsmittel- und Sprengstoffproduktion, den Straßenbau oder die Keramikindustrie. So hat sich nicht nur die Gesellschaft des Großherzogtums im Laufe der Jahrzehnte verändert, sondern auch seine Wirtschaft, insbesondere die Industrie.

Die meisten Hochöfen sind seit der Strukturkrise in den 1970er Jahren verschwunden, und längst haben Computer und Hightech-Netzwerke die Vorherrschaft über die Entwicklung und Herstellung neuer Industrie-Produkte übernommen. Der Präsident der Industriellen-Vereinigung Fedil, Nicolas Buck, drückt dies so aus: „Ob sie heute in einer Fabrik ein Auto zusammenbauen oder ob Leute in einem Bürogebäude Software entwickeln. Das sind beides industrielle Prozesse.“ Sagt’s und ist selbst mit seiner Biografie ein Symbol des Wandels in den Werkstätten und Ideenschmieden des Ländchens (siehe Interview). Als studierter Wirtschaftsingenieur hat er als Unternehmer mit seinen Betrieben genau den Wandel im Kleinen vollzogen, den Luxemburg als Ganzes erlebt. Der Chef einer Softwareschmiede für die Fondsindustrie (Seqvoia) ist sich im Klaren, dass der Begriff heute sehr viel weiter zu fassen ist.

Die Fedil, vor genau 100 Jahren als Fédération des Industriels luxembourgeois von dem Hochofen-Bauer Paul Wurth und 54 weiteren Industriellen der unterschiedlichsten Branchen im Großherzogtum gegründet, hat über diese Zeit hinweg nicht nur ihre inzwischen 600 Mitglieder begleitet, sondern auch die Luxemburger Wirtschaft mit vorangetrieben. Denn die Gründungsväter hatten nach dem Ersten Weltkrieg zunächst alle Hände voll zu tun, nach der deutschen Besetzung die politische Unabhängigkeit unter Beweis zu stellen und die Belange der Wirtschaft gegenüber der Arbeiterbewegung durchzusetzen. Noch heute gehören acht Gründungsbetriebe mit zu den Fedil-Mitgliedern, darunter Weltunternehmen wie Paul Wurth und Villeroy & Boch oder nationale Aushängeschilder wie das Tabakunternehmen Heintz van Landewyck, Cimalux (Zement) und die Brasserie National (Bofferding Bier).

Allerdings ist die Fedil nach 100 Jahren und dem Zusammenwachsen Europas eine Vereinigung, die inzwischen 37 verschiedene Sektoren unter einem Dach zu vereinen versucht: Finanzen, Sicherheitsdienste, Personalbeschaffung, Informations- und Kommunikationstechnologie, Luftfahrt und Weltraum – Branchen und Geschäftsfelder, von denen die Gründer vor einem Jahrhundert nur haben träumen können. Immerhin vertritt die Luxemburger Arbeitgebervereinigung 95 Prozent der Industrieproduktion, 75 Prozent der privaten Forschung, mit 100 000 Jobs rund 25 Prozent der Beschäftigten und 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Großherzogtums.

Doch der Versuch, so viele Branchen unter einen Hut zu bekommen, hat auch die Fedil verändert. „Wir möchten stärker ein Dienstleister für die Industrie von heute und morgen werden“, sagt Buck. Dazu will er seine Mitglieder mit ins Boot nehmen, um an den Zukunftsthemen Digitalisierung, Bildung, Innovationen und Energiewandel zu arbeiten. „Unser Hauptziel ist die Suche nach Talenten. Wir wollen die Jugend wieder mehr für Wissenschaft, Technologie und Technik begeistern“, sagt der Präsident, und er ist sich sicher: „Wir glauben nicht daran, dass es wesentlich weniger Arbeit in der Industrie geben wird, sondern dass sich die Arbeitsstellen und Arbeitsweisen ändern werden.“ Dies wird auch deshalb zunehmend wichtig, weil Luxemburg mehr als 90 Prozent seiner Industrieprodukte exportiert und damit wettbewerbsfähig bleiben muss. Der Fedil-Präsident spricht gar von einer „Reindustrialisierung in unseren Gegenden“ durch Automatisierung und Digitalisierung.

Aktuell sind die Aussichten für die Luxemburger Wirtschaft rosig: Nach einem Wachstum im vergangenen Jahr von geschätzt 3,4 Prozent soll die Wirtschaft den Prognosen des Statistikamtes Statec nach 2018 sogar um 4,4 Prozent wachsen. Und mit der geplanten Ansiedlung eines leistungsstarken Supercomputers HPC noch in diesem Jahr durch die Europäische Union (Investitionen über eine Milliarde Euro) in Luxemburg wird das kleine Land wohl eine neue europäische Zentrale, die der digitalen Wirtschaft und Forschung einen Schritt näherkommt.

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