Der Star der Stadt

WITTLICH. Jetzt ist es wieder in Freiheit: Das kleine Bronze-Schwein vor dem Alten Rathaus am Marktplatz. Nicht nur Kinder haben die wohl beliebteste öffentliche Kunst der Stadt, die Hanns Scherl schuf, vermisst. Beobachtet hat ihr Schicksal auch Karl Theisen.

Ob er dem Stecher Mattes, dem legendären Sauhirten im Schauspiel zur Säubrennerkirmes den Ruf streitig machen will? "Nein", Karl Theisen winkt ab, denn er kümmert sich zwar auch um ein berühmtes Schwein der Stadt, macht das aber eher im Verborgenen. Der Mann ist seit 28 Jahren Hausmeister im Modehaus Freckmann am Markt und ist deshalb mit dem legendären Scherl-Schwein praktisch per Du. - Obwohl es immer schweigt. So hat es auch niemandem verraten, wer es sozusagen fast geschlachtet hätte. Anfang Oktober wurde es von Unbekannten umgefahren, verschwand und kam wieder. "Ein Loch wurde ausgebaggert, Speis rein, vier neue Halter an die Füßchen angeschraubt und ein rotes Flatterband als Absperrung ringsum. Am nächsten Morgen hing das Schwein wieder schräg", sagt Karl Theisen. Er informierte die Stadt. Die kam, baggerte wieder alles aus, installierte jetzt Quereisen und baute Paletten rings um die Sau-Baustelle, eine Art improvisierte Reha-Klinik. Scherl-Schwein ist die Attraktion

Auch die Tochter des 2001 verstorbenen Künstlers Hanns Scherl, Marianne Baumüller-Scherl, hat die Geschichte um die Plastik verfolgt. Dass das Werk jetzt wieder an Ort und Stelle steht, hat sie am Montag selbst sehen können. Sie freut sich darüber und sagt: "Das war die Intention meines Vaters, dass das Schwein ein Anziehungspunkt für Familien und Kinder ist und ein friedliches Miteinander bewirkt." Nach ihren Informationen hat es Hanns Scherl 1983 geschaffen. Das bestätigt auch die Stadtverwaltung. Und das sympathische Tier wurde jetzt sehr vermisst. "Immer fragten die Kinder: ,Wo ist das Schwein?‘ Ich sagte: ,Es ist wieder da!‘ ,Wo denn?‘, fragten die dann. ,Na das hat jetzt einen Stall bekommen, denn es wurde am Fuß operiert. Guckt mal zwischen den Brettern durch‘, erklärte ich", sagt Karl Theisen, "Die Kinder fragen einem ja Löcher in den Bauch, und man muss Antwort geben." Er ärgert sich über die Unbekannten, die die Bronze beschädigt haben: "Sich an einem toten Gegenstand zu vergreifen, das ist doch nicht normal. Das Schwein ist die Attraktion auf dem Markt. Sonst haben wir ja nichts außer der Blumengondel." Er beobachtet bei seiner täglichen Arbeit seit Jahren den kleinen Star und seine kleinen Fans: "Das geht non Stop den ganzen Tag. Alle wollen drauf reiten. Und dann gibt es Geschrei, wenn ein Kind nicht runter will. Aber da sitzen auch viele Erwachsene sogar in Gruppen drauf, zum Beispiel Holländer", sagt der ehrenamtliche Hirte, "das ist bestimmt das beliebteste Fotomotiv der Stadt." Wenn er morgens nach dem Rechten sieht, kümmert er sich auch um die Sau. "Wie oft das schon mit Senf beschmiert war! Da hole ich den Eimer und in zwei Minuten ist sie wieder sauber", sagt er zu seiner Extra-Tierpflege. Einmal im Jahr weiß er schon genau, dass Waschtag ist: "Am ersten Mai ist da meist Ketchup drauf. Davon sind auch die Streifen in der Patina. Ketchup ist ja scharf." Senf oder Ketchup ans Schwein, das gehört sich nur zum Saubraten an der Säubrennerkirmes. Laut Ulrich Jacoby, Pressesprecher der Stadtverwaltung, kostete die Reparatur 1350 Euro.

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