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Weinbau: Mit der Datenbrille in den Wingert - Wie Künstliche Intelligenz den Winzern helfen kann

Weinbau : Mit der Datenbrille in den Wingert - Wie Künstliche Intelligenz den Winzern helfen kann

Künstliche Intelligenz könnte irgendwann helfen, Reben schonender, zeit- und kostengünstiger zu schneiden.

Mit 1,145 Millionen Euro wird bis 2023 der Einzug der Künstlichen Intelligenz im Weinberg gefördert. Der Förderbescheid für das seit vergangenen Herbst laufende Projekt mit dem Namen „KI-Rebschnitt - KI unterstützter Rebschnitt am Beispiel des wundarmen Rebschnitts im Steillagenweinbau an der Mosel“ wurde kürzlich in Bernkastel-Kues von Staatssekretär Andy Becht und ADD-Präsident Thomas Linnertz dem Geschäftsführer der GDV Gesellschaft für geografische Datenverarbeitung, Dirk Hübener, übergeben.

Seine Firma leitet federführend die aus neun Mitgliedern bestehende Projektgruppe, zu der außerdem die TU Kaiserslautern, DLR Mosel, das Staatsweingut Mosel sowie die Weingüter Joh. Jos. Prüm, Katja und Daniel Regnery, Arnold Scholtes, Christian Porten und Beiser gehören. Ein ordentlicher Batzen Geld. Aber wofür?

Worum geht es? Künstliche Intelligenz (KI) soll Maschinen das Lernen und Entscheiden beibringen. Übertragen auf den Weinberg ging es dabei bisher unter anderem darum, Daten wie Temperatur, Feuchtigkeit, Niederschläge und Sonneneinstrahlung über Sensoren und Drohnen aufzuarbeiten und zu visualisieren. So können dem Winzer Hilfestellungen bei der Arbeitsplanung gegeben werden.

Bei zwei weiteren Projekten, die seit dem Frühjahr mit insgesamt vier Millionen Euro aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium gefördert werden, sollen eine Art künstliche Nase und Zunge entwickelt werden, um Geruchs- und Geschmackseindrücke zu objektivieren. Außerdem die genauere Vorhersage der Erntemenge.

Was wird entwickelt? Das KI-Rebschnitt-Gemeinschaftsprojekt ist extrem nah dran an der Rebe und in den Mosel-Steillagen. Die Idee: „Ungelernte Kräfte bekommen in die Datenbrille optimale Schnittvorschläge eingeblendet und können so einen Rebschnitt wie Experten durchführen“, so Hübener. Das Stichwort lautet: Virtual Reality.

Eine Kamera nimmt den zu schneidenden Rebstock auf und errechnet mit den gesammelten Daten den optimalen Schnitt. „Man bekommt den Stock gezeigt, wie er geschnitten werden soll“, erklärt Matthias Porten, der Leiter der Abteilung Weinbau und Oenologie beim DLR Mosel. Die Brillen sind Standard. Das alles im Westentaschenformat und damit steillagentauglich. Die Software, das Herzstück, läuft auf einem Smartphone.

Das wichtigste Material: die Daten. Seit vergangenem Herbst wird gesammelt. Triebe wurden aufgenommen. Erfahrene Winzer bearbeiteten die Stöcke. Die Künstliche Intelligenz wird den Winzer nicht überflüssig machen, ist sich Porten sicher: „Es muss immer noch die Fachleute geben.“

Weshalb ist der Rebschnitt so wichtig? Der Rebschnitt ist nicht nur einer der aufwendigsten Arbeitsschritte im Weinberg. Er ist auch der komplizierteste und kritischste. Welche Triebe im Herbst und Winter abgeschnitten und stehen gelassen werden, entscheidet wesentlich mit über Qualität und Menge des nächsten Jahrgangs. Deshalb wird der Rebschnitt oft vom Winzer selbst durchgeführt. Kein Job für unerfahrene Arbeitskräfte und Saisonarbeiter.

„Man will die Leitbahnen im Stock schonen“, erklärt Porten, dass es darauf ankommt, den Pflanzen möglichst wenige Wunden zuzufügen. „Die Methode des sanften oder wundarmen Rebschnitts ist eine recht neue Entwicklung, die in besonders geeigneter Weise zahlreiche ökologische und ökonomische Vorzüge verbindet. Wenn es gelingt, diese Methode fachgerecht von ungelernten Arbeitskräften ausführen zu lassen, können die Kosten der Bewirtschaftung signifikant gesenkt und den Folgen des Klimawandels effizient begegnet werden“, erklärte der Leiter des DLR Mosel Norbert Müller.

Rebschnitt mit Hilfe Künstlicher Intelligenz verspricht allerdings eine grundlegend neue Hilfe für die Winzer zu werden. Eine „Revolution“ ähnlich der Quertrassierung und dem Einsatz von Raupen in den Steillagen, wie es Porten ausdrückt.

Die Zukunftsvision Die langwierige Arbeit des Schneidens könnte durch Künstliche Intelligenz irgendwann schneller und sicherer von der Hand gehen. Im kommenden Herbst können die Datenbrillen wohl erstmals im Alltagseinsatz getestet werden.

„Ganz zum Schluss steht der Schneideroboter“, wagt Porten einen Blick in die Zukunft. Die gar nicht mehr so weit entfernt ist. Das Wittlicher Maschinenbauunternehmen Clemens entwickelt nämlich zurzeit ein solches Gerät, das den Vorschnitt der Reben vollautomatisch durchführen soll.