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Tierische Helfer
Ziegen stoppen Wildwuchs in ehemaligen Wingerten

Mit Ziegen kann Wildwuchs in Weinbergsbrachen verhindert werden.
Mit Ziegen kann Wildwuchs in Weinbergsbrachen verhindert werden. FOTO: TV / Susanne Venz
Bernkastel-Kues. An der Mosel sollen Weinbergsbrachen verhindert werden. Oft muss gerodet werden. Es geht aber auch anders. Von Hans-Peter Linz
Hans-Peter Linz

Entlang der Mosel sieht man sie immer wieder: Nicht mehr genutzte Weinbergsflächen, die nach und nach sich selbst überlassen werden. Das bringt gleich mehrere Probleme mit sich. Zum einen steigt die Gefahr von Schädlingsbefall der Nachbarweinberge. Denn vor allem Brombeerhecken, Ginster und weitere Strauchpflanzen wachsen dort – und führen zu einer Vermehrung von Schädlingen, die die Reben angreifen. So lebt zum Beispiel in Brombeeren die Kirsch-
essigfliege, die Rebstöcke angreifen kann. Bei den Brachen ist zudem zu unterscheiden, ob noch verwilderte Rebstöcke dort wachsen, oder ob diese entfernt wurden. Sind noch unbewirtschaftete Rebstöcke vorhanden, kann sich auch eine weitere Gefahr für Nachbarweinberge, die Schwarzfäule der Rebe, ausbreiten.

Es gibt unterschiedliche Gründe für das Entstehen von Brachen – manchmal lohnt es sich nicht mehr wirtschaftlich, den Weinberg zu betreiben, manchmal sind die Eigentumsverhältnisse die Ursache. Wichtig ist es daher, die Brache möglichst einmal jährlich zu roden. Es droht aber noch eine weitere Gefahr: Zwischen Rodung und Wiederbepflanzung dürfen in Deutschland höchstens 13 Jahre Brachezeit liegen, sonst erlischt das Wiederbepflanzungsrecht und die Fläche muss der Natur überlassen werden.

Wie das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinhessen-Nahe-Hunsrück meldet, laufen derzeit mehrere Maßnahmen, um die Zunahme von Brachen zu verhindern. „Einige Winzer und Landwirte setzen inzwischen auf tierische Helfer und lassen die Flächen mit Ziegen und Schafen beweiden“, erzählt Katharina Hörter vom DLR in Bad Kreuznach. Hörter ist Koordinatorin für den Partnerbetrieb Naturschutz, am DLR Rheinhessen-Nahe-Hunsrück in Zusammenarbeit mit den zuständigen Vertragsnaturschutzberaterinnen der Kreise Trier-Saarburg (Elke Rosleff Sörensen), Bernkastel-Wittlich (Susanne Venz) und Cochem-Zell (Corinna Lehr). Hörter weist auf vier aktuelle Maßnahmen hin, die Weinbergsbrachen vermeiden sollen.

Bekond-Ensch (VG Schweich): Am Ortsausgang von Ensch werden rund 5,4 Hektar ehemalige Weinbergsflächen mit 16 Pfauenziegen beweidet. Die „tierischen Landschaftspfleger“ gehören Joachim Wiese, der sich täglich um die Ziegen kümmert und diese unter anderem auf Flächen des Öko-Weinguts Herbert Kuhnen einsetzt. Die Beweidung wurde in 2015 gestartet und muss bis 2019 abgeschlossen sein. Kuhnen weist auf einen stark verbuschten Hang mit Vorwaldstadien hin und vergleicht ihn mit der aktuellen Beweidungsfläche. Vor Beginn der Beweidung hätte diese ebenfalls ein solches Stadium erreicht.

Rivenich (VG Wittlich-Land): In Rivenich gibt es Brachflächen, die von Burenziegen besiedelt sind. Matthias und Valentin Haier berichten von ihrer zehnjährigen Erfahrung mit dem Einsatz der Tiere in den Weinbergen. „Wenn wir mit dem Freischneider oder Mulcher die Flächen offenhalten würden, hätten wir bereits zahlreichen Lebewesen wie zum Beispiel Rebhühnern den Lebensraum genommen und die Brut zerstört. Denn dass solche Tiere auf unseren Brachflächen leben, sieht man erst, wenn man von Hand den mobilen Zaun für die Ziegen aufstellt und plötzlich auf dem Boden ein Vogelnest entdeckt“, erzählt Valentin Haier.

Da die Ziegen immer wieder andere Flächen beweiden, entsteht eine Art Rotationsbeweidung, die zu einem Mosaik an frisch abgeweideten, relativ offenen Flächen und höher bewachsenen Flächen führt. Familie Haier setzt neben den etwa 40 Burenziegen auch 40 Schwarzkopfschafe samt Nachzucht zur Beweidung ihrer Flächen ein.

 Starkenburg (VG Traben-Trarbach): Seit Anfang August leben in Starkenburg 35 Ziegen von Johannes Alt aus Morbach auf einer im Rahmen des Flurbereinigungsverfahrens Starkenburger Fels entstandenen Projektfläche. Projektträger dieser Flächen sind die Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich, die Teilnehmergemeinschaft der Flurbereinigung und der Zweckverband Starkenburger Fels. Die Gesamtfläche beträgt 7,8 Hektar. Durch die Beweidung mit Ziegen soll die zunehmende Verbuschung der ehemaligen Weinberge und Felsbereiche und der durch Trockenmauern terrassierten Hänge zurückgedrängt werden. In dem extrem steilen Gelände bewähren sich die Ziegen als Landschaftspfleger ganz besonders, da eine maschinelle Pflege in vielen Bereichen nicht möglich ist.

 Pünderich (VG Zell): Rainer Nilles hält Tauernscheckenziegen. Die Tiere sind mit ihren hohen Beinen gut für die Beweidung von Brachflächen. Seit 2014 sind sie im Steilhang westlich des Prinzenkopfes im Einsatz. Sie haben die alten Trockenmauern vom Brombeerdickicht befreit und  Lebensräume für Mauereidechse und Schlingnatter wieder reaktiviert. Dost und Dürrwurz wachsen inzwischen auf den beweideten Terrassen. Die Blüten sind Anziehungspunkt für Schmetterlinge, Bienen und Hummeln.