"Alle sechs Minuten stirbt ein Kind"

Berlin · Hungerkatastrophen wie derzeit in Ostafrika können nach Ansicht des FDP-Bundestagsabgeordneten Patrick Meinhardt nicht allein mit Geld verhindert werden. Korruption und fehlende staatliche Gewaltmonopole verhinderten eine positive Entwicklung.

Berlin. Für die Opfer der Hungerkatastrophe sind bislang mehr als eine Milliarde Dollar an Spenden eingegangen. Doch Geld allein reicht nicht, sagt der FDP-Bundestagsabgeordnete Patrick Meinhardt. Er ist seit sechs Jahren Vorsitzender der Parlamentariergruppe Östliches Afrika und Vizepräsident der Vereinigung europäischer Afrika-Politiker.
Mit ihm sprach unserer Korrespondent Hagen Strauß.
Herr Meinhardt, Sie kennen Afrika und seine Probleme gut. Ist der Beitrag der Bundesregierung zur Bekämpfung der Hungersnot dort ausreichend?
Meinhardt: Die Menschen am Horn von Afrika durchleben zurzeit eine der schlimmsten Hungerkatastrophen der vergangenen sechs Jahrzehnte. Alle sechs Minuten stirbt ein Kind an den Folgen der Unterernährung, insgesamt sind 4,5 Millionen Menschen in der Region auf Lebensmittellieferungen angewiesen. Ich glaube schon, dass die Bundesregierung in dieser Situation sehr verantwortungsbewusst gehandelt und gezeigt hat, dass sie die Menschen in der Region nicht im Stich lässt.
Andere Länder wie Großbritannien geben jedoch deutlich mehr Mittel.
Meinhardt: Geld allein reicht nicht. Und ein Wettbewerb um große Summen ist unsinnig. Bundesminister Niebel hat die Mittel für sofortige und langfristige Unterstützung auf insgesamt 151,5 Millionen Euro erhöht. Dies ist ein gutes Zeichen für die Solidarität mit den leidenden Menschen in der Region und ein Signal, dass die Bundesrepublik zu ihrer Verantwortung in der internationalen Gemeinschaft steht.

Was sind die Ursachen der Katastrophe?
Meinhardt: Die klimatischen Faktoren sind eine Ursache. Gleichzeitig müssen aber auch die Regierungen vor Ort ihre Hausaufgaben machen. Korruption, Klientelpolitik und fehlende staatliche Gewaltmonopole verhindern eine positive Entwicklung in Ostafrika. Wer dabei voreilig in der Verpachtung von Land an chinesische, indische aber auch europäische Konzerne die Ursache für die Katastrophe sieht, macht es sich zu einfach.
Hat die internationale Gemeinschaft nicht auch zu lange die Lage insbesondere in Somalia ignoriert?
Meinhardt: Das stimmt. Die Weltgemeinschaft hat leider nicht beachtet, dass Somalia seit Jahren im Chaos versinkt und staatliche Strukturen nicht mehr existent sind. Wir müssen uns schon fragen, warum uns das Schicksal dieses Landes nur dann beschäftigt, wenn von dort unsere Handelsschiffe von Piraten angegriffen werden, wir aber lange wegschauen, wenn das Land auf eine Hungerkatastrophe zusteuert. Wenn der Rückzug der Al Shabaab Milizen aus Mogadischu nun die Chance bietet, Somalia langfristig zu stabilisieren, so müssen wir diese nun rasch aufgreifen.
Was hilft der Region langfristig?
Meinhardt: Es ist richtig, dass die Bundesregierung die Frage der langfristigen Ernährungssicherung ins Auge fast. Die Infrastruktur in ländlichen Regionen muss ausgebaut und Strukturen für Lagerhaltung und Zugänge zu überregionalen Märkten geschaffen werden. Wir müssen den Menschen helfen, Anbau- und Bewässerungsmethoden zu verbessern. Dass die Bundesregierung hierfür mehr Geld zur Verfügung stellt, wird helfen, dass das mittelfristige Risiko von neuen Hungerkatastrophen sinkt.
Patrick Meinhardt, geboren am 30. September 1966 in Baden-Baden, ist Vorsitzender des FDP-Bezirksverbandes Mittelbaden und Vorsitzender der Parlamentariergruppe Östliches Afrika. red