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"Alte Atomkraftwerke nur etwas für Liebhaber"

"Alte Atomkraftwerke nur etwas für Liebhaber"

Alte Atomkraftwerke lassen sich nicht mehr aufrüsten und auf den neuesten Sicherheitsstandard bringen. Das sagt der schwedische Atomexperte Lars Olov Höglund. Im Gespräch mit dem TV äußert er sich auch kritisch zu den zunehmenden Störfällen im Atomkraftwerk Cattenom in Lothringen.

Trier/Stocksund. Lars Olov Höglund schmunzelt. "Wissen Sie", sagt der 59-Jährige und wird dann sofort wieder ernst: "Mit alten Atomkraftwerken ist es wie mit alten Autos. Wenn sie älter als 20 Jahre sind, dann sind sie nur noch etwas für Liebhaber. Aber man fährt kein Auto, bis es auseinanderfällt." Auch Atomkraftwerke könnten nur eine bestimmte Zeit betrieben werden, sagt der Schwede. Er müsste es wissen. Zehn Jahre lang war er Chefkonstrukteur beim damals noch staatlichen schwedischen Energiekonzern Vattenfall. In dieser Zeit hat er für den Stromversorger drei Atomkraftwerke gebaut, darunter auch das in Forsmark, 120 Kilometer von der schwedischen Hauptstadt Stockholm entfernt. Vor vier Jahren kam es in dem Atomkraftwerk zu einem schweren Störfall. Laut Höglund handelte es sich um den schwersten Zwischenfall in der schwedischen Atomkraftgeschichte. Als Grund dafür nennt der heute unter anderem als Berater für die schwedische Regierung tätige Experte den Versuch, das in die Jahre gekommene Atomkraftwerk Forsmark teilweise zu modernisieren.

Böse Erinnerung an Tschernobyl



Dadurch, so Höglund, wäre es fast zur Kernschmelze gekommen. Seiner Meinung nach hätte das schlimmere Folgen haben können als die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 25 Jahren. Alte Atomkraftwerke ließen sich nun mal nicht aufrüsten, sagt der in seinem Heimatland nicht ganz unumstrittene Atomexperte im Gespräch mit dem TV. "Die alten Teile, die Gebäude, Reaktortanks und viele Sicherheitssysteme, die man aus wirtschaftlichen Gründen nicht austauschen kann oder will, die bleiben ja. Und die sollen dann zusammen mit neuen Teilen zusammengebaut werden." Die passten dann aber nicht perfekt zusammen. 90 Prozent der Teile in einem Atomkraftwerk könne man nicht reparieren. "Irgendwann sind die aber alt und verschlissen." Dann häuften sich die Fehler und Zwischenfälle. Stiege die Zahl der Zwischenfälle, sei das beunruhigend, sagt Hög-lund. Je mehr Störfälle es gebe, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem ernstzunehmenden, schweren Unfall mit Folgen für Menschen und Umwelt komme.

Trifft das auch auf das Kernkraftwerk Cattenom in Lothringen zu? Höglund kennt die 23 Jahre alte Anlage nicht im Detail. Er geht davon aus, dass das Atomkraftwerk an der Mosel technisch und was die Sicherheit angeht auf einem besseren Stand ist als viele schwedische oder deutsche Anlagen aus den 1970er Jahren. "Es ist noch verhältnismäßig jung." Aber die Häufung von Zwischenfällen in Cattenom sei "nicht normal". Auch die beiden Schnellabschaltungen eines der vier Reaktoren im März seien kein gutes Zeichen. Eine solche Notbremsung werde nur veranlasst, wenn es Probleme mit dem sicheren Betrieb der Anlage gebe. "Eine Schnellabschaltung ist wie eine Notlandung beim Flugzeug, die leitet man nur bei gravierenden Störfällen ein." Und jede Schnellabschaltung verkürze die Lebensdauer eines Atomkraftwerkes. "Jede Anlage verträgt nur eine begrenzte Anzahl solcher Notbremsungen", sagt Höglund.

Immer wieder Zwischenfälle in Cattenom



In Cattenom ist es dieses Jahr laut Betreiber offiziell bereits zu drei Zwischenfällen gekommen. Die beiden Schnellabschaltungen zählen nicht dazu.

Auch die Abschaltung des dritten Reaktorblocks vor zehn Tagen wegen eines Stromausfalls (der TV berichtete) fallen nicht unter die von den Betreibern gemeldeten Störfälle.

Höglund betrachtet die aktuelle Diskussion in Deutschland über die Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke kritisch. "Alte Anlagen kann man nicht mehr auf den neuesten Sicherheitsstand bringen. Das wäre viel zu teuer. Die Politik und Betreiber reden das schön", sagt der Schwede. Die Bundesregierung will den von Rot-Grün beschlossenen und derzeit noch gültigen Atomausstieg kippen und die deutschen Kraftwerke über das Jahr 2022 am Netz lassen. zur Person Lars Olov Höglund (Foto: privat) ist ein nicht unumstrittener Atomkritiker. Er arbeitete 1976 bis 1986 als Konstruktions-chef beim schwedischen Kernkraftwerk Forsmark. Dann trennten er und der schwedische Betreiberkonzern Vattenfall sich "im gegenseitigen Einvernehmen". Höglund hat seither als selbstständiger Berater in der Energiebranche auf sich aufmerksam gemacht.