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"Ich glaube nicht mehr an Gerechtigkeit"

"Ich glaube nicht mehr an Gerechtigkeit"

Juristisch ist unter den Fall Lolita Brieger nach 30 Jahren vorläufig ein Schlussstrich gezogen. Ihr Ex-Freund hat die von ihm schwangere 18-Jährige damals getötet, glaubt auch das Trierer Schwurgericht. Dass die Kammer den Angeklagten dennoch freigesprochen hat, stößt bei vielen auf Unverständnis.

Trier. Petra Brieger ringt mit den Tränen. Die Schwester der vor 30 Jahren getöteten Lolita steht, umringt von Fotografen, Kameraleuten und Journalisten, vor dem Justizgebäude in der Trierer Innenstadt und kann den soeben gehörten Freispruch immer noch nicht fassen. "Ich bin enttäuscht und sprachlos", sagt sie, "kann gar nicht sagen, wie mies ich mich fühle."
Eigens zum Tag der Urteilsverkündung hat Petra Brieger ein T-Shirt angezogen, auf dem das Konterfei Lolitas zu sehen ist. Es ist eines der wenigen Fotos, die von der verschwundenen Näherin aus dem Eifelort Frauenkron bekannt sind. Die Polizei hat es seinerzeit veröffentlicht, als nach der knapp drei Jahrzehnte vermissten jungen Frau gesucht wurde.
Im vergangenen Herbst wurde aus dem Vermisstenfall ein Gewaltverbrechen. Lolitas Exfreund, ein reicher Bauernsohn aus dem Nachbarort Scheid, wurde festgenommen, saß seit Anfang September in Untersuchungshaft. Lolita Briegers sterbliche Überreste wären wohl nie entdeckt worden, hätte ein ehemaliger Freund des Angeklagten den Mordermittlern nicht den entscheidenden Tipp gegeben. "Ein glaubhafter Zeuge, schon weil er sich nicht selbst gemeldet hat und keinen überschießenden Belastungseifer an den Tag legte", meinte gestern die Vorsitzende Richterin Petra Schmitz in ihrer Urteilsbegründung.
Das fünfköpfige Gericht geht davon aus, dass Lolita damals von ihrem Exfreund in einem Schuppen getötet wurde. Er habe sie wohl entweder mit einem Draht erdrosselt oder sie erwürgt, sagt die Vorsitzende Richterin und glaubt auch mögliche Hintergründe zu kennen: Der Vater des Landwirts war gegen die Beziehung zu der mittellosen Frau aus der Nachbarschaft, und auch die schwangere Lolita habe ihren Ex-freund unter Druck gesetzt. "Hat es im Schuppen vielleicht Streit zwischen den beiden gegeben, der dann eskaliert ist?", fragt Petra Schmitz und weiß, dass sie eine Antwort darauf wohl nie bekommen wird. Der Angeklagte hat während des gesamten Prozesses geschwiegen, was sein gutes Recht ist. Die Vorsitzende Richterin sagt, dass er sich wegen Totschlags schuldig gemacht habe: "Er tötete vorsätzlich ohne Rechtfertigungsgründe." Das hätte für bis zu 15 Jahre Gefängnis gereicht, wenn man ihn vor der Verjährung angeklagt hätte.
So aber wurde der Vater eines sechsjährigen Sohnes gestern Nachmittag um kurz vor halb fünf Uhr wieder in die Freiheit entlassen. Er wird wohl zurück nach Scheid gefahren sein, wo er mit seiner betagten Mutter wohnt. Dort aber wird nichts mehr so sein wie vor seiner Festnahme Anfang September. "Er wird da oben nicht wohnen bleiben können", glaubt ein Zuschauer, der aus der Gegend kommt.
Für Lolitas Geschwister und ihre inzwischen 80-jährige Mutter wird das ein schwacher Trost sein. "Ich glaube nicht mehr an Gerechtigkeit", sagt Petra Brieger.Extra

1982 verschwand Lolita Brieger aus dem Eifelörtchen Frauenkron. Erst 30 Jahre später wurde ihr Tod Gewissheit. Eine Chronologie: 4. November 1982: Lolita Brieger wird zum letzten Mal gesehen. Eine Arbeitskollegin hat sie mit dem Auto in der Nähe des Bauernhofs ihres Freundes in Scheid (Vulkaneifelkreis) abgesetzt. Danach war die 18-jährige Näherin verschwunden. 1984 und 1987: Der drei Jahre ältere Exfreund von Brieger wird vernommen. Die Polizei verdächtigt ihn, etwas mit dem Verschwinden zu tun zu haben - kann ihm aber nichts nachweisen. 24. August 2011: Der Vermisstenfall "Lolita Brieger" wird in der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst" ausgestrahlt. 76 Anrufe gehen nach der Sendung ein. Darunter auch der eines angeblichen Mitwissers, der dem Täter bei der Beseitigung der Leiche geholfen haben will. 9. September 2011: Unter Mordverdacht wird der damalige Freund von Brieger, ein 50-jähriger Landwirt aus Scheid, festgenommen. 6. Oktober 2011: Auf einer ehemaligen Müllhalde in Dahlem-Frauenkron (Kreis Euskirchen) beginnt die Polizei mit der Suche nach der Leiche. 19. Oktober 2011: Ein in Folie verpacktes Skelett mit Bekleidungsstücken wird gefunden. Es ist die Leiche von Brieger. 29. Dezember 2011: Die Staatsanwaltschaft Trier klagt den Landwirt wegen Mordes an. Der Mann schweigt. 6. März 2012: Vor dem Landgericht Trier beginnt der Mordprozess. 27. März 2012: Der Schlüsselzeuge, ein Dachdecker, schildert im Prozess, wie er mit dem Landwirt die Leiche zur Mülldeponie gebracht habe. 31. Mai 2012: Die Staatsanwaltschaft fordert eine lebenslange Strafe wegen Mordes. Die Verteidigung plädiert auf Freispruch. 11. Juni 2012: Das Landgericht Trier verkündet sein Urteil: Der Angeklagte wird freigesprochen. dpa