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Petz gegen Boliden: Wie der Eifelpark den Nürburgring zu Fall bringt

Petz gegen Boliden: Wie der Eifelpark den Nürburgring zu Fall bringt

Bernd Capellen, Betreiber des Eifelparks Gondorf, fühlt sich von der Investitions- und Strukturbank des Landes schikaniert. Dem Nürburgring hingegen habe die Bank "pervers gute Konditionen" geboten. Der Unternehmer beschwert sich in Brüssel. Offenbar mit Erfolg.

Gondorf/Nürburg. In Gondorf heulen die Wölfe, rund 60 Kilometer weiter nördlich die Motoren. Hier quietschen vergnügte Kinder beim Rutschen, dort die Bremsen. Hier bläst der Wind über Wacholderheiden, dort durch Windkanäle und Boxengassen. Nur selten werden der Eifelpark Gondorf und der Nürburgring in einem Atemzug genannt. Warum auch? Scheint ihre einzige Gemeinsamkeit doch zu sein, dass es sich um Freizeitparks handelt.
Und doch gibt es eine Verbindung. Diese Verbindung ist unsichtbar. Sie ist überraschend. Und schon jetzt folgenreich. Denn Bernd Capellen, Betreiber des Eifelparks Gondorf, hat nach eigenen Angaben bei der EU-Kommission in Brüssel jene Beschwerden eingereicht, die zur Insolvenz des Nürburgrings führten. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es nicht, da die Kommission die Identität ihrer Beschwerdeführer generell nicht bekanntgibt. Doch ist Capellens Geschichte schlüssig und wird von Dokumenten gestützt, die dem TV vorliegen.
Sie beginnt im Jahr 2004 mit ein paar Bergziegen. Denn die fand Capellen, der als Insolvenzbetreuer aus Haan bei Solingen in die Eifel gekommen war, so niedlich, dass er sich entschied, den zahlungsunfähigen Eifelpark selbst zu betreiben, statt weiter nach einem Käufer zu suchen. Voraussetzung war für ihn allerdings, dass seine Bank ihm einen Kredit in Höhe von rund 900 000 Euro gewährt, um die alte, asbesthaltige Sommerrodelbahn gegen eine neue austauschen zu können, die kein Risiko darstellt. Die Bank sagte ihm unter der Bedingung zu, dass die landeseigene Investitions- und Strukturbank (ISB) eine Landesbürgschaft zur Verfügung stellt. Nach "fast einem Jahr endloser Verhandlungen" willigte die ISB laut Capellen ein, eine Bürgschaft von 390 000 Euro zu übernehmen. Er unterzeichnete, obwohl er die Konditionen als "bodenlose Frechheit" empfand: Er habe sich auf fünf Jahre verpflichten müssen, kein Geschäftsführergehalt zu beziehen und keine Gewinne auszuschütten. Zudem habe er die Rechte und Ansprüche an einer Lebensversicherung in Höhe von 600 000 Euro abtreten und eine Bürgschaft in Höhe von 100 000 Euro hinterlegen müssen. "Da will ich eine Touristenattraktion retten - und dann so eine Schikane", sagt Capellen.
Die ISB sagt nichts und verweist auf das Bankgeheimnis.
Zwei Jahre später habe er festgestellt, dass die ISB dem überschuldeten Nürburgring fast zeitgleich "zu pervers guten Konditionen" 330 Millionen Euro gegeben habe. "Das ist wettbewerbswidrig", befand Capellen und reichte im Oktober 2010 Beschwerde bei der EU-Wettbewerbsbehörde ein. Offenbar mit Erfolg.
Jedenfalls eröffnete die EU-Kommission ein Verfahren, um zu prüfen, ob die insgesamt 524 Millionen Euro Beihilfen zugunsten der Rennstrecke und des Freizeitparks am Nürburgring rechtens sind. Das Land Rheinland-Pfalz und von ihm kontrollierte öffentliche Unternehmen förderten den Ring durch Darlehen, Garantien oder Kapitalerhöhungen, heißt es im März 2012 in einer Pressemitteilung der EU. Und weiter: "Die Kommission vertritt die vorläufige Auffassung, dass alle diese Maßnahmen, die nicht bei ihr angemeldet wurden, zu günstigeren Bedingungen als marktüblich gewährt worden sein könnten. In diesem Fall würden sie den Eigentümern und den Betreibern des Komplexes einen ungerechtfertigten Vorteil gegenüber Wettbewerbern verschaffen, der den Wettbewerb verzerren und gegen das EU-Beihilferecht verstoßen würde."
Doch geht die Geschichte noch weiter. Denn Capellen verfasste einen zweiten Beschwerdebrief, der am 19. Januar 2011 bei der EU-Komission eintraf. Erneut ging es um den Nürburgring, der dem Eifelpark Konkurrenz machte, so dass laut Capellen einige Tausend Besucher weniger kamen. Der Unternehmensberater entschied sich daher, künftig verstärkt in Tiere zu investieren: Im Sommer 2011 gab es ein neues Wolfsrudel, neue Vögel, ein modernisiertes Vogelhaus und ein neues Luchsgehege. Um diese Investitionen stemmen zu können, hatte Capellen seine Hausbank gebeten, für zwei Jahre auf die Tilgung seiner Kredite zu verzichten. Das tat sie auch. Die ISB habe das jedoch abgelehnt. "Sie gewährte aber gleichzeitig dem Nürburgring eine Aussetzung von Zinsen und Tilgungen über 13 Millionen Euro", sagt Capellen, dessen Beschwerde offenbar erneut gehört wurde: Die EU-Kommission weitete ihre Prüfung auf "sonstige Finanzierungsmaßnahmen" aus. Dabei handele es sich um die Stundung von Zinsen zuvor gewährter Darlehen, um den vorläufigen Verzicht auf Rückzahlung und um ein weiteres Gesellschafterdarlehen. Erneut äußerte die Kommission Zweifel daran, dass all das zu marktüblichen Bedingungen gewährt wurde.
Welche Folgen diese Sichtweise der EU hat, ist bekannt. Die rot-grüne Landesregierung hatte Brüssel darum gebeten, die verschuldete Landestochter namens Nürburgring GmbH mit weiteren 13 Millionen Euro stützen zu dürfen. Zudem sollten der Ring-GmbH Zinszahlungen für den 330-Millionen-Kredit bei der ISB gestundet werden. Die EU-Wettbewerbsbehörde verweigerte die Zustimmung. Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) tobte. Der Nürburgring ging in die Insolvenz.
Zu Ende ist Capellens Geschichte damit noch nicht. Denn er plant, in Brüssel eine weitere Beschwerde einzureichen. Diesmal geht es um die Frage, ob die ISB bei einem Eigenkapital von rund 225 Millionen Euro einer "Risikogesellschaft" wie der Ring-GmbH überhaupt ein Darlehen in Höhe von 330 Millionen Euro hätte geben dürfen.
"Ich möchte einen fairen Wettbewerb", sagt er als Begründung dafür, dass er so viel Energie in diesen Kampf investiert. Natürlich wünsche er sich auch, dass der Nürburgring gerettet wird.Extra

Der 62-jährige Bernd Capellen hat sich als Unternehmensberater mit seiner Capellen & Partner GmbH auf die Sanierung und das vor-übergehende Management insolventer Firmen spezialisiert. Firmensitz ist in Haan (Nordrhein-Westfalen). 2004 übernahm er den insolventen Eifelpark. kahExtra

Nicht nur mit dem Land, dem Nürburgring und der ISB hat Bernd Capellen Probleme, sondern auch mit der Ortsgemeinde Gondorf. Mit ihr streitet er über die Parkplatzpacht, die seiner Ansicht nach zu hoch ist. Bis 2013 muss ein neuer Vertrag ausgehandelt werden. Doch die Gemeinde und Capellen konnten sich bislang nicht einigen. Obwohl sich die Ortsgemeinde verhandlungsbereit zeigt, sind die Fronten offenbar derart verhärtet, dass Capellen mit der Schließung des Parks droht: Zum Saisonende hat er im Oktober elf seiner insgesamt 14 festangestellten Mitarbeiter gekündigt. Auch die Zeitverträge mit den rund 20 Aushilfskräften wurden nicht verlängert. Der Park ist derzeit dicht. Ob er 2013 wieder öffnet, ist ungewiss. kah/neb