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So wehren sich Kommunen gegen die Landflucht

Kommunalpolitik : Wie sich Dörfer vor dem Aussterben retten können

Mehr Angebote für junge Menschen mildern die Abwanderung in große Städte ab, zeigt ein Experte in Bitburg auf.

Der ländliche Raum kann Abwanderungen abmildern, wenn mittelgroße Zentren wie Bitburg und Wittlich mehr Angebote für junge Menschen von umliegenden Dörfern schaffen. Das sagte Harald Simons von der Forschungsagentur Empirica vor 400 Teilnehmern bei einer Kommunaltagung in Bitburg.

Der Kommunalexperte, der für Rheinland-Pfalz mit einer Studie zu Wanderungsbewegungen für das Land auf der Zielgeraden ist, widersprach der Meinung, dass junge Dorfbewohner vor allem wegen Arbeit oder Uni in Oberzentren wie Trier und Mainz ziehen. „Junge Menschen unter 25 Jahren sind inzwischen eine Minderheit in der Gesellschaft und rotten sich dort zusammen, wo sie Leute im gleichen Alter für Partnersuche oder die gleichen, skurillen Hobbys finden“, sagte Simons. Er verwies zugleich auf Grundzentren, in die trotz ländlich geprägter Strukturen immer mehr junge Menschen ziehen, weil sie Angebote schaffen. Als Beispiele nannte er Neuruppin in Mecklenburg-Vorpommern, das der kurzen Entfernung nach Berlin trotze, indem es ein stadtnahes Schwimmbad und Mietwohnungen für junge Menschen gebaut habe. Er verwies auch auf ein französisches Dorf, in dem samstags im Gegensatz zu vielen deutschen Gemeinden nahezu alle Geschäfte und Ämter offen seien, um Pässe zu beantragen oder das Auto anzumelden. Simons warnte: „Wenn es heißt, das Umland würde durch stärkere Kreisstädte geschwächt werden, ist das Unsinn. Wenn die Städte schwach bleiben, ziehen junge Leute nach Mainz und sind ganz weg aus der Region. Wenn man alle stützt, hat man am Ende nur Halbtote.“

Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) betonte in Mainz erneut, sogenannte Angebotsgemeinden stärker fördern zu wollen, in denen sich Supermärkte ansiedeln könnten. Das Umland könne davon profitieren. Martin Orth, Leiter der Abteilung Raumordnung und Landesplanung, kündigt an, im kommenden Entwicklungsplan für Rheinland-Pfalz ein stärkeres Augenmerk auf die Versorgung legen zu wollen – von der Arztpraxis bis zum Supermarkt. Die Gutachten zum Landesentwicklungsplan sollen noch in dieser Legislaturperiode bis 2021 in Auftrag gegeben werden.

Der Eifelkreis Bitburg-Prüm gilt dabei als Vorreiter, wie sich Dörfer entwickeln können. Beim Dorfcheck, wo Bürger daran tüfteln, wie sich ihr Heimatort entwickeln soll, nehmen 170 von 234 Gemeinden und 4500 Menschen in Arbeitskreisen teil, erzählte Landrat Joachim Streit auf der Tagung, zu der kommunale Vertreter aus ganz Rheinland-Pfalz strömten. Kreis-Experte Edgar Kiewel schwärmte von Projekten wie einem Senioren-Besuchsdienst in Rittersdorf oder einem Markt-Treff in Mötsch, die entstanden sind. Mit 121 500 Euro fördert das Land künftig eine beim Kreis angesiedelte Beratungsstelle und weitet den Dorfcheck aus. Die CDU kritisiert, das Land müsse die Kommunen besser ausstatten. Mehr als 850 Gemeinden haben im vergangenen Jahr keinen ausgeglichenen Haushalt aufgestellt.