Punk-Kabarett

TRIER. Akustik-Gitarren und bissige Texte: Das Kollektiv "Strom und Wasser" zeigte den rund 80 Zuschauern im bestuhlten Exhaus-Balkensaal, dass man mit Liedermacher-Vorurteilen manchmal ganz schön falsch liegen kann.

Eingeleitet wurde das Konzert von den lokalen Genrekollegen "Die Gebrüder Hejel" (wobei wenigstens Trierern klar sein dürfte, dass "Hejel" kein Familienname ist). Die ironischen Songs des Duos über "ganz normale Faschisten", erwischte Kleine und entwischte Große, sowie einen "Mann aus Düren, der macht seltsame Sachen mit Tieren" waren die perfekte Einstimmung auf Heinz Ratz und seine Mitspieler. Das waren diesmal Maria Schneider, die meist gleichzeitig trommelte und Xylophon spielte, sowie Sascha Loss mit Geige und Gitarre. Obgleich "Strom und Wasser" ihre rund 300 Auftritte in immer variierender Formation bestreiten, spielten sie im Balkensaal erst zum zweiten Mal als "Zirkustrio". Und wenn Routine ohnehin eine unbekannte Größe im Ratz'schen Universum sein dürfte, so sollte sie an diesem Abend bestimmt nicht aufkommen. Konstantin Wecker, mit dem "Strom und Wasser" manchmal zusammen auftreten, bezeichnete sie einmal als "das Extremste, was unter der Bezeichnung Liedermacher so eben noch gelten kann" . Dieser Begriff, der trotz aller Arbeit von beispielsweise Götz Widmann, Funny van Dannen oder Hans Söllner bei vielen wohl immer noch ungute Assoziationen von selbstgerecht geklampfter Betroffenheitslyrik weckt, definiert "Strom und Wasser" nur unzureichend: Wenn Heinz Ratz flüsternd singt und schreit und schrammelnd zupft und ganz ernsthaft zum Lachen bringt - das ist einfach noch ein wenig größer, da stecken noch Rock und Punk, Walzer und Chanson drin, und zwischendrin wird auch einfach nur gelesen (diesmal aus Ratz' neuestem Buch mit "Tourgeschichten": eine unwahrscheinliche Anekdote über einen verhängnisvollen Muskelkrampf in Trier). Leider machten sich bei dem Auftritt mal wieder die kleinen Schwächen des Balkensaals recht deutlich bemerkbar: Akustikgitarren abzumischen ist ohnehin etwas schwierig, aber wenn dann noch das Schlagzeug der Maria Schneider dazu schepperte, war von den gehaltvollen Wortschwällen über weite Strecken kaum noch etwas zu verstehen. Erhöhte Aufmerksamkeit war also angesagt, denn es gab großartige Texte zu verpassen über Antipädagogik, Antikapitalismus ("Die Frage ist, wie man die Schwerverbrecher nennt - Präsident!") und die Gründung der "Arschpartei". Immerhin, die dichten Klanglandschaften, die zu "Hartschalenkostüm" und dem örtlich passenden, nachdenklichen Lied über Hochwasser ("Ich hasse die Stadt und die Stadt muss weg!") erklangen, wirkten auch im Balkensaal.