Zwei Moselfischer erzählen, wie sich ihr Handwerk verändert hat

Tradition : Zwei Moselfischer erzählen, wie sich ihr Handwerk verändert hat

Berufsfischer auf der Mosel – das klingt romantisch und wie der Stoff für einen Heimatfilm aus den 1950er Jahren. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Viel harte Arbeit draußen und drinnen, Vorschriften, Pachtraten ... Und der beste Fang nützt nur, wenn er sich zu einem annehmbaren Preis absetzen lässt. 1965 arbeiteten auf der Mosel zwischen Wasserbilligerbrück und Koblenz 35 Fischer, heute sind es noch zehn. Die Fischwirtschaftsmeistern Manfred Schmitt und Josef Birnfeld erzählen.

Manfred Schmitt (54). Der Fischwirtschaftsmeister aus Mehring ist heute der letzte Berufsfischer, der noch zum Vollerwerb auf die Mosel rausfährt. Eines seiner zwei Boote liegt in Pölich. Das flache, breite und sieben Meter lange Stahlgefährt mit starkem Außenbordmotor ist ein solides Arbeitsgerät und nichts für Freizeitkapitäne.

Schmitts wichtigste Werkzeuge sind die zahlreichen Aalreusen und die Kiemennetze, die er zum Fang in Ufernähe an flachen Grund verankert. Mit diesen Geräten arbeiten auch alle anderen Kollegen an der Mosel. Schleppnetzfischerei geht nicht auf dem Fluss – schon wegen der Schifffahrt.

Manfred Schmitt erzählt, wie er Fischer geworden ist: „Ich bin durch meine Heirat als Späteinsteiger zur Fischerei gekommen. Erst habe ich beim Schwiegervater geholfen und dazu noch auf der Fachschule in Starnberg die Ausbildung zum Fischwirt gemacht.“

Als er 1992 den Betrieb übernommen hat, war die Meisterprüfung fällig. Sie ist Voraussetzung für einen Fischereipachtvertrag mit dem Land Rheinland-Pfalz. Sein Sohn hat ebenfalls die Ausbildung gemacht und wäre pachtberechtigt. „Er hat sich inzwischen aber beruflich anders orientiert“, sagt Schmitt.

Durch die Moselkanalisierung in den 1960er Jahren ist das Abgrenzen der Pachtreviere einfach geworden. Sie reichen seit Mitte der 1980er Jahre von einer Staustufe (Schleuse) zur nächsten. Heißt: Die zehn Moselschleusen machen zehn Pachtgebiete – auf jedem Stau dazwischen arbeitet ein Berufsfischer. Die Zahl der Moselfischer ist seit dem Ausbau von 35 auf heute besagte zehn zurückgegangen und die Reviere haben sich dadurch erheblich ausgedehnt. Schmitt: „Mein Schwiegervater hat 1957 auf einer sieben Kilometer langen Pacht angefangen.“ Heute bestimmt die Entfernung zwischen den einzelnen Schleusen die Größe eines Reviers.

Bei der Reviergröße kann mit dem Mehringer kein anderer Moselfischer mithalten, denn sein Gebiet reicht von der Schleuse Trier bis zur Schleuse Detzem. Das sind 27 Stromkilometer mit rund 55 Hektar (550.000 Quadratmeter) Wasserfläche. Klingt gewaltig, doch wie sieht es mit dem Ertrag aus? Zu diesem Punkt zitiert Schmitt zunächst die amtliche Faustregel der Obersten Fischereibehörde bei der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord. Die lautet: 40 Kilogramm Fang pro Hektar und Jahr. Diesen Ertrag teilen sich die Berufsfischer allerdings mit den im Revier berechtigten Freizeitanglern.

Während bei der Seefischerei in Zentnern und Tonnen gerechnet wird, geht es auf Binnengewässern kleinteiliger zu – in Kilogramm. Und nach dem Fang beginnt der zweite Teil der Arbeit: ausnehmen, entschuppen, zum Versand verpacken. „Das ist alles Handarbeit, eine Filetiermaschine würde sich bei den Mengen nicht lohnen“, erklärt der erfahrene Fischer.

„Die Erträge waren schon immer schwankend, sind über die Jahre aber laufend zurückgegangen“, berichtet er. 2017 sei ein ganz schlechtes Jahr gewesen – fast nichts mehr da. Erst ab August 2018 sei es wieder besser gelaufen. Ein Beweis, dass extreme Sommerhitze den Fischen in den Moselstaustufen nicht zusetze. Am Rhein mit seinem Niedrigwasserstand in langen Trockenperioden sei das anders. So war das Schiffbarmachen der Mosel einerseits von Vorteil, brachte aber andererseits das Aus für bestimmte Arten. „Die Mosel war früher eine Region für Barben und Nasen, die strömendes Wasser benötigen. Sie sind verschwunden“, erklärt der Fischexperte. Auch der Hecht sei durch die steilen, künstlichen Flussränder selten geworden. Dieser Raubfisch benötige zum Laichen flache und ausgedehnte Uferregionen.

Die Fischerei hat in Trier wie in anderen Orten entlang der Mosel eine lange Tradition: Das Zurlaubener Ufer, heute eine Ausflugsmeile mit Gastronomie, war früher ein Fischerdorf vor den Toren der Stadt. Dieses Foto zeigt Zurlauben in den 1950er Jahren. Am Ufer liegt das Fischerboot von Helmut Seiler vor Anker. So heißt es zu der Abbildung in dem Buch „Trier. Bewegte Zeiten. Die 50er Jahre“ von Bernhard Simon vom Trierer Stadtarchiv. Das Schiff sei speziell für den Fang von Aalen ausgerüstet gewesen. Die Fischerfamilie Seiler blickte auf eine lange Tradition zurück. Helmut Seilers Vater Jupp war ein bekannter Fischer und auch Fährmann. Die Familientradition endete jedoch Anfang der 1960er Jahre mit der Kanalisierung der Mosel. Mit ihr sei auch das Ende der Trierer Berufsfischer gekommen, schreibt Bernhard Simon. Foto: Stadtarchiv Trier

Als Neuansiedler seien durch die Stauhaltung die Brassen in die Mosel gekommen, auch der Zander habe sich nach einem Neubesatz in den 1980er Jahren wieder gut erholt. Ebenfalls zu den Neulingen zählten der Wels – ein gefräßiger Räuber, aber als Beifang gefragt – und die unwillkommene Grundel. Die maximal 25 Zentimeter lange Grundel tritt in Massen auf, ist zu klein zum Verzehr und labt sich selbst am Laich der anderen Arten. Als wirtschaftlich wichtigste Fische in der Mosel nennt Schmitt das Rotauge (auch Plötze genannt, aus der Familie der Karpfenartigen) und den Aal, den die Moselfischer als ihren „Brotfisch“ bezeichnen. Davon zeugen in Schmitts Keller die Kisten mit frisch gefangenen Aalen, die in Folie eingeschweißt gerade auf den Transport an die Kunden warten.

Durch die Staustufen in der Mosel hat es mit dem Aal seine besondere Bewandtnis, ohne menschliches Zutun wäre er längst verschwunden. Der Grund sind die an jeder Stauanlage installierten Wasserkraftwerke des Betreibers RWE (heute innogy), verbunden mit dem besonderen Lebenszyklus des Fischs: Die meisten Jahre ihres Lebens verbringen die Aale in den Flüssen. Sind die Tiere groß und geschlechtsreif (Blankaale), wandern sie zum Laichen in Richtung Meer. Später kehrt die Jungbrut – die noch durchsichtigen „Glasaale“ – zum jeweiligen Heimatgewässer im Binnenland zurück. Schmitt erklärt dazu: „Bei der Wanderung zum Meer sucht der Aal stets die stärkste flussabwärts führende Strömung. Und die findet er an den Moselschleusen direkt vor den Turbinen einlässen der Kraftwerke.“ Gegen die Turbinen schaufeln hatte der schlangenförmige Fisch keine Chance, und der Moselaal war vom Aussterben bedroht. 1995 zogen das Land und der Kraftwerksbetreiber die Notbremse und gründeten die Aalschutzinitiative. „Bei dieser von innogy finanzierten Aktion werden die Blankaale noch vor ihrer Wanderung von uns in den Staustufen abgefischt und bei Koblenz in den Rhein gesetzt“, ergänzt der Mehringer.

Aber auch die Natur selbst kann zum Schadensfaktor werden. Nie mehr ganz erholt hätten sich die Bestände an der Mittelmosel von der Kormoranplage, die Ende der 1980er Jahre eingesetzt habe. Zeitweise seien über 1000 Vögel, von denen jeder täglich etwa 500 Gramm Fisch vertilge, über die Bestände hergefallen. „Erst als sie nach 2000 alles leer gefressen hatten, sind sie weggeblieben – ein Kahlschlag“, sagt der Fischer.

Doch ob Aal, Wels oder Rotauge – wie vermarktet ein Vollerwerbsfischer seinen Fang? „Die Handelsketten kann man vergessen, dazu reichen die Mengen nicht. Und wer außerdem brät heute noch zu Hause in der eigenen Küche ein Rotauge?“, sagt Schmitt. Das sieht er aber gelassen. Denn er hat seinen festen Kundenstamm bei Trierer und luxemburgischen Gastronomiebetrieben, bei denen Moselfisch als Spezialität auf der Karte steht. Schmitt: „Früher habe ich für die Betriebe sogar auf Bestellung gefischt. Geht aber heute wegen der Mengen nicht mehr, dann müssen die notfalls auch mal ins Tiefkühlfach greifen.“

Hat der Beruf noch eine Zukunft? Nach Ansicht des 54-jährigen Mehringers ist dies mehr als unsicher. Die Zahl der Stammkunden in der Gastronomie nehme ab. „Denn auch die werden älter und haben oft keine Nachfolger, die ihr Konzept weiter betreiben wollen.“ Ein Pizzabäcker oder Fast-Food-Anbieter brauche keinen Moselfisch. Dazu kämen die zurückgehenden Fischbestände: „Wenn sich daran nichts ändert, wird es auf lange Sicht keine Moselfischerei mehr geben. Dafür sind die Bestände zu unsicher geworden“, sagt Schmitt.

Josef Birnfeld (69). Der Teilerwerbsfischer und Winzer aus Lieser sieht anders als sein Kollege für seine Zunft noch eine gewisse Zukunft. „Ich glaube nicht, dass die Fischerei an der Mosel ganz aufhört. Aber der Haupterwerb wird künftig nicht mehr im Fang liegen, sondern in der Verarbeitung und Vermarktung“, sagt Josef Birnfeld. Auch der Lieserer hat die Ausbildung zum Fischwirtschaftsmeister in Starnberg durchlaufen und 1967 nach dem Tod des Vaters schon mit 17 Jahren den Betrieb übernommen. „Da war ich noch nicht volljährig. Wegen des Pachtvertrags musste ich extra amtlich für ,vorzeitig großjährig’ erklärt werden“, erinnert er sich.

Für Josef Birnfeld, Teilerwerbsfischer und Winzer aus Lieser, ist die Aalreuse das wichtigste Arbeitsgerät. Rund 180 Reusenketten hat er im Einsatz. Foto: Friedhelm Knopp. Foto: Friedhelm Knopp

Heute erstreckt sich seine Pacht über 18 Stromkilometer zwischen den Staustufen Wintrich und Zeltingen. Allerdings sei der Fisch nur ein Nebenerwerb und der Weinbau der Haupterwerb. Sein Sohn Jan habe zwar auch noch die Ausbildung zum Fischer absolviert. Er sehe in der Sparte aber keine Zukunft mehr und konzentriere sich daher ganz auf den Weinbau.

Seinen Fang – vorwiegend Edelfisch – vermarktet Josef Birnfeld an die örtliche Gastronomie oder verkauft ihn zur Weitervermarktung an den Kollegen Schmitt aus Mehring. Früher hat er noch selbst Aale geräuchert: „Die wurde ich alle los.“

Ja, „früher“. Das magische Wort fällt öfter, etwa wenn von zweieinhalb Zentnern pro Fang die Rede ist, die man in den besten Zeiten aus der Mosel geholt hat. Wie Schmitt klagt Birnfeld über den Rückgang der Bestände, was aber seinen Betrieb noch nicht infrage stelle. Auch die Aalschutzinitiative sorge für Einnahmen. Denn vor dem Transport zum Rhein fangen die Berufsfischer die Tiere in der Mosel, und der Energieversorger innogy kauft sie auf. Außerdem betreibt Birnfeld auf Provisionsbasis mehrere Angelschein-Verkaufsstellen für Hobbyfischer.

Doch warum schwinden die Fischbestände? Er nennt mehrere Faktoren, die aus seiner Sicht in rund 50 Jahren die Wasserfauna der Mosel verändert haben: Die Schiffbarmachung, die zum Artenschwund und Artenwechsel führte, in der Folge Verdrängungseffekte durch fremde Arten wie die Grundel und den Kahlschlag durch die Kormorane Ende der 1980er Jahre. Da ist aber noch ein Grund, der für Laien absurd klingen mag. Durch immer mehr Kläranlagen, ökologisch sichere, phosphatarme Waschmittel und weniger Düngereintrag hat sich die Wasserqualität der Mosel stetig verbessert. Birnfeld: „Dadurch wurde der Fluss immer nährstoffärmer, was dem Fischbestand schadet. Je sauberer das Wasser, desto weniger Fisch.

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