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Die Judengasse war einst ein Platz

Dr. Marzena Kessler (links mit Foto) erläutert mit alten Fotoaufnahmen und Skizzen die Geschichte der Judengasse. TV-Foto: Martin Recktenwald
Dr. Marzena Kessler (links mit Foto) erläutert mit alten Fotoaufnahmen und Skizzen die Geschichte der Judengasse. TV-Foto: Martin Recktenwald FOTO: Martin Recktenwald (ten) ("TV-Upload Recktenwald"
Trier. Beim "Trier Forum" wurden Pläne für ein Dokumentationszentrum zur jüdischen Geschichte Triers vorgestellt. Eine Entdeckung im Keller trägt dazu maßgeblich bei. Martin Recktenwald

Trier Ein Dokumentationszentrum für jüdische Geschichte in Trier ist erklärtes Ziel eines Bündnisses des Vereins Trier-Gesellschaft mit Stadt und Universität. "Noch ist das visionär, aber man darf ja auch mal in die Zukunft denken", kommentierte Jutta Albrecht von der Trier-Gesellschaft die Pläne. Der ideale Standort ist mit einem der Häuser in der Judengasse schon ausgemacht. Was die Vordenker planen und warum es sich gerade an dieser historischen Stelle anbieten würde, stellten sie bei einem "Trier Forum vor Ort" in der Gasse rund 40 interessierten Bürgern vor.
Hinter dem Torbogen am Marktplatz erwartete den Betrachter einst ein ganz anderes Bild als heute: Das hier im Mittelalter erbaute Juden-Viertel bestand keineswegs nur aus einer schmalen Gasse. Vielmehr müsse man sich einen Platz mit ringsherum angeordneten Gebäuden vorstellen, erläuterte Dr. Marzena Kessler von der Universität Trier. Der dahinter liegende heutige Stockplatz sei hingegen vollständig bebaut gewesen. Oberirdisch erhalten ist vom mittelalterlichen Judenviertel neben dem mehrfach gestaffelten Torbogen nur noch das Haus Nummer 2. Es wurde im Jahr 1235 erbaut und ist somit das älteste jüdische Wohnhaus in Deutschland.
Neben dem erhaltenen am Marktplatz führten einst drei weitere Tore in das abgeschlossene Viertel. Vielfach sei in der jüngeren öffentlichen Diskussion der Begriff Ghetto verwendet worden. Das führe aber in die Irre, meinte Kessler. Weitaus wahrscheinlicher sei, dass die jüdischen Bewohner selbst aus religiösen Überlegungen einen abgeschlossenen Bereich für ihre Wohnhäuser wählten. "Bestimmte Handlungen dürfen während des Schabbat nur im eigenen Haus ausgeführt werden", erklärte die Historikerin. Ein geschlossenes, nach außen abzusperrendes Areal fiel nach einer in jener Zeit gebräuchlichen Definition ebenfalls in diesen Bereich des eigenen Heims. Deswegen hatten die Häuser keinen Zugang von der christlichen Seite der Stadt aus, und die vier Tore zum Viertel waren während des Schabbats mit Ketten absperrbar.
Ebenfalls religiöse Bedeutung hatten die im Untergrund erhaltenen Bauten. Der bedeutendste befindet sich im Keller des Gebäudes, das heute ein Gemüse-Kebap-Restaurant beherbergt. Bei den dort erhaltenen Becken handelt es sich um eine sogenannte Mikwe, ein mit Grundwasser gespeistes Tauch-Bad für rituelle Reinigungen.
Um diesen archäologischen Fund kreisen mehrere Zukunftsüberlegungen. Zur jüdischen Gemeinde Trier gehörten auch viele orthodoxe Juden, berichtete Albrecht. "Sie haben Interesse bekundet, die Mikwe wieder in ihrer ursprünglichen Funktion zu nutzen. Bisher müssen sie dafür bis nach Metz fahren", sagte sie.
Gleichzeitig denke man über touristische und dokumentarische Aspekte nach. Für das geplante Dokumentationszentrum seien bereits erste positiv verlaufende Gespräche mit dem Hausbesitzer und dem Baudezernenten der Stadt geführt worden, teilte die Direktorin des Stadtmuseums, Dr. Elisabeth Dühr, mit. Wie Albrecht ergänzte, habe ferner der Zentralrat der Juden in Deutschland - namentlich der aus Trier stammende Geschäftsführer Daniel Botmann - Unterstützung bei der Sponsoren-Suche für das Projekt zugesagt.
Als erste konkrete Schritte zur Aufwertung der Judengasse hat die Trier-Gesellschaft über ein Spendenprojekt eine Sanierung des Bereichs am Eingangstor finanziert. Schmierereien wurden übermalt und eine mehrsprachige Infotafel angebracht. Weitere vier Tafeln sollen bald folgen und unter anderem die Funktion der Mikwe erläutern.Extra: JÜDISCHE GEMEINDE IN TRIER


Eine jüdische Gemeinde hatte Trier nachweislich schon seit Beginn des 4. Jahrhunderts. 1066 siedelten sich auf Betreiben des Erzbischofs zahlreiche Juden in der Stadt an. Das Judenviertel entstand. Während Stadt und Bischof einerseits von Handel und Geldgeschäften mit den Juden profitierten, gab es andererseits gewaltsame Verfolgungen. Ein erstes Pogrom ist 1090 belegt, und das große von 1349 zerstörte das Judenviertel. Nur wenige Bewohner überlebten.