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Kultur: „Lasst uns so weitermachen“

Kultur : „Lasst uns so weitermachen“

1968 haben Christel Werner und Anne Weis einen Literaturkreis ins Leben gerufen.

(bb) An diesem Abend ist Hildegard Slabik-Münter die Gastgeberin des Literaturkreises. Im Minutentakt kommen die lesefreudigen Frauen an. Bei acht Teilnehmerinnen bleibt es heute; meistens sind es um die zehn, und ab und zu ist die Runde mit 14 komplett zusammen. Sie nehmen Platz am Esstisch, auf dem kleine Speisen und Getränke bereitstehen. Eine muntere Unterhaltung beginnt.

Bis Christel Werner um Aufmerksamkeit bittet. Ein Termin außer der Reihe ist zu vereinbaren, ein gemeinsames Frühstück im Februar. „Ihr wisst ja, wir werden 40“, sagt die Buchhändlerin im Ruhestand, die 1968 gemeinsam mit der Ärztin Anne Weis den Literaturkreis ins Leben gerufen hatte. Ein passender Tag zum Feiern ist rasch gefunden.

„Dann kann es ja jetzt losgehen“, meint Christel Werner mit Blick auf die Bücher und Notizen, die die Frauen inzwischen vor sich ausgebreitet haben. Sabine Gabriel lacht und erklärt der Besucherin vom TV: „So ist das immer: Christel sorgt für die Struktur unserer Treffen.“

Das erste der zehn Treffen im Jahr ist dem aktuellen Literaturnobelpreisträger gewidmet. So steht an diesem Abend also Kazuo Ishiguro auf dem Programm. Die Mitglieder des Literaturkreises hatten die freie Auswahl unter den Büchern, die in deutscher Übersetzung vorliegen. Nun sind tatsächlich die wichtigsten Titel des Engländers japanischer Herkunft vertreten: „Was vom Tage übrig blieb“, „Alles, was wir geben mussten“, „Der begrabene Riese“, „Der Maler der fließenden Welt“, „Damals in Nagasaki“.

Hildegard Slabik-Münter skizziert den Inhalt von „Was vom Tage übrig blieb“ und sagt: „Gut zu lesen! Feiner Spannungsbogen und historisch sowie philosophisch-ethisch interessant.“

Sie räumt ein: „Die Ausschweifungen darüber, wie ein Butler zu sein hat, sind zuweilen langatmig.“ Aber ihr gefalle der humorige und nicht direkt urteilende Blickpunkt des Autors.

Sie empfiehlt das Buch als „unbedingt lesenswert“ und „sehr britisch“. Die anderen machen sich Notizen, geben ihre eigene Einschätzung kund, stellen ihre Titel vor, diskutieren, auch kontrovers und manchmal hitzig. „Es ist uns am liebsten, wenn wir nicht einer Meinung sind“, bringt es Christel Werner mit einem Augenzwinkern auf den Punkt. Sie ist es auch, die die Treffen nach drei bis vier Stunden beschließt.

Mit 15 Teilnehmern war man seinerzeit an den Start gegangen, darunter auch einige Männer. „Diese Zahl hat sich bis heute als Maximum für unsere Treffen im privaten Rahmen reihum bewährt“, erklärt Christel Werner.

Neben dem Nobelpreisträger widmet der Literaturkreis auch den jeweiligen Trägern des Büchner-Preises und des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels einen Abend. Es gibt Treffen nur mit Lyrik oder über ein Buch, das alle gelesen haben, über literarische Briefe und Briefwechsel, über einen Klassiker, über Geburtstagskinder unter den Schriftstellern, über Themen wie „Rund ums Mittelmeer“ oder „Indianer“. Mal spielt eine Stadt die Hauptrolle, mal das Gastland der Frankfurter Buchmesse.

2003 wurden die mehrtägigen Literaturreisen eingeführt. Seither war der Literaturkreis unter anderem wegen Heine in Düsseldorf, wegen Hesse in Calw, wegen Goethe und Schiller in Weimar, wegen Storm in Husum. Ziel in diesem Jahr ist Tübingen, wo Mörike vor 175 Jahren auf die Welt kam.

Die Einladungen schreibt neuerdings Anita Sottmeier (Wallscheid). „Es gibt doch immer wieder schöne Literatur-Überraschungen. Lasst uns in diesem Sinne weitermachen“, ermunterte sie ihre Mitstreiterinnen vor Kurzem. Woran keinerlei Zweifel besteht!