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Milchböcke oder Milchbänke gehörten früher in jedes Dorf der Eifel

Heimatgeschichte : Der Milchbock ist kein Ungeziefer

Ob Telefonzelle, Kaugummi-Automat oder Pferdetränke: Es gibt Gegenstände, die früher überall normal waren und dann plötzlich verschwunden sind.

 Still und leise sind sie aus unseren Dörfern verschwunden, jene Holzgestelle, die im Sprachgebrauch „Milchbank oder Milchbock“ genannt wurden. Nur mehr in äußerst wenigen Gemeinden findet sich noch ein Nachbau, versehen mit einer Infotafel, damit die heutige Generation überhaupt etwas mit jener nostalgischen Institution anzufangen weiß.

Noch vor rund einem halben Jahrhundert waren viele Dörfer landwirtschaftlich geprägt. In den Stallungen der Landwirte standen einige Kühe, dringend benötigt als Zugtiere und zur Milchproduktion.

Jeden Abend und jeden Morgen wurden sie gemolken, eine wahre Handarbeit mit viel Fingerspitzengefühl, die nicht jeder beherrschte. Die elektrischen Melkmaschinen begannen damals erst die ersten Ställe zu erobern. Nach dem Melken der Milch in einen Eimer, wurde diese dann durch ein Sieb gefiltert und in große Milchkannen gegossen. Danach begann ein fast rituelles Dorf-Ereignis. Die Milchkannen wurden zur Milchbank im Dorf getragen.

Das waren besondere Gestelle, erhöhte hölzerne Bohlen-Bänke, auf denen Milchkannen aufgestellt wurden, um in die nächste Molkerei transportiert zu werden. Anfangs war dies ein Milchkutscher, der frühmorgens, bei jedem Wind und Wetter, mit seinem Pferdegespann vor einem offenen Anhänger die einzelnen Orte anfuhr, die Milchkannen auf den Milchböcken einsammelte und sie schnellstens in die nächste Molkerei zur Weiterverarbeitung ablieferte. Am späten Nachmittag erschien der Milchkutscher erneut im Dorf, lieferte scheppernd die leeren Milchkannen wieder ab und verteilte an die Leute die in der Molkerei bestellten Produkte, wie Käse, Sahne oder Quark.

Es gab Zehn-, Fünfzehn- und Zwanzig-Liter-Kannen, meist silbern und oft verbeult, auf deren Deckeln meist die Nummer des Milchbocks oder der Name des Ortes stand, und an ihren Seiten die Nummer des Landwirtes. Diese war für die Abrechnung durch die Molkerei bedeutsam.

Jeder Landwirt achtete peinlich genau darauf, dass „seine“ Milch gut gekühlt war. Sie durfte keinesfalls sauer werden. Anderenfalls hätte die Molkerei ihm einen roten Zettel an die Kanne geklebt, was einen erheblichen Geldverlust bedeutet hätte, und im Wiederholungsfalle sogar ein Verbot der Milchannahme durch die Molkerei.

Nach dem letzten Krieg verdrängten die Milchautos die Pferdegespanne. Immer moderner und größer wurden die Milchtankwagen. Nun war es nicht mehr lohnend, für eine Handvoll Milchkannen die Milchböcke anzufahren. Auch die hygienischen Anforderungen an das Lebensmittel wurden immer strenger. Die kleinen landwirtschaftlichen Betriebe starben. Stallungen mit hunderten Milchkühen entstanden, die immer noch von großen Tankwagen mit zigtausend Litern Fassungsvermögen und computergesteuerter Milchkühlung, mit GPS und automatisierten Datenerfassungssystemen angefahren werden.

Die Milchböcke waren ein Bestandteil des dörflichen Alltags. Sie waren die „Dorf-Zeitung“. Frauen und Männer warteten am Milchbock auf das Kommen des Milchautos. Dabei gab es viel zu erzählen. Der neueste Klatsch und Tratsch, wer mit wem freien ging und welche Frau wieder in guter Hoffnung war, und auch das aktuelle Dorfgeschehen fanden hier ihren Anfang.

Milchbänke gibt es nicht mehr. Ein Stück kulturellen Gutes ist Vergangenheit. Die Milchproduktion ist unpersönlicher geworden. Angeblich soll es bereits Kinder geben, die glauben, Milch käme von lila Kühen oder von der Firma Tetra-Pak.

 Maria Niederprüm bringt Milchkannen von Üdersdorf zur Dauner Molkerei. Ein tägliches Ritual, das überall in der Eifel zu finden war.
Maria Niederprüm bringt Milchkannen von Üdersdorf zur Dauner Molkerei. Ein tägliches Ritual, das überall in der Eifel zu finden war. Foto: TV/Archiv Alois Mayer

Schön, dass wenigstens ab und zu noch ländliche Gemeinden durch den Nachbau eines Milchbockes die Arbeit und das Brauchtum ihrer Ahnen in Erinnerung halten wollen – eine wert- und sinnvolle Nostalgie.