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Film-Kritik
Yuli, der Film: Ballett, Cuba und das bedrückende Leben des Carlos Acosta

FOTO: Denise Guerra/Piffl Medien
Trier/Havanna. Wer einen dieser bewegungsgewaltigen, weichgespülten, Ende-gut-alles-gut, Liebe-zum-Tanz-Filme erwartet, wird in der Produktion von Regisseurin Icíar Bollaín nicht bedient. Das sei direkt im Voraus erwähnt. Achtung: Wir spoilern inhaltlich! Von Mandy Radics
Mandy Radics

An dieser Stelle wird vielleicht so mancher Leser aufatmen. Endlich ein anderer Ansatz. Eine tiefgehende Geschichte. Anders ist sie. Begibt sie sich doch mit Rückblenden auf eine Reise in die Vergangenheit, die durch gegenwärtige Szenen aus Ballettproben unterbrochen und auch verbunden wird.

Es ist die Geschichte eines kubanischen Jungen namens Carlos Acosta, der Yuli genannt wird. Den Namen hat ihm sein Vater gegeben. Es ist der Name eines indigenen Kriegsgottes. Und der von Edilson Manuel Olbera hervorragend gemimte junge Yuli wird jahrzehntelang mit sich, dem Ballett und seinem Vater im Krieg befinden.

Frech und selbstbewusst misst Yuli sich auf den Straßen Havannas im Breakdance. Er will lieber Fußballer werden, nicht Tänzer in Strumpfhosen. Doch die harte Hand des Vaters zwingt ihn mit 10 Jahren in die renommierteste Ballettschule des Landes. Yulis Fluch und Segen: sein außergewöhnliches Talent, das von seinen Lehrern sofort erkannt wird.

Yuli ist das egal. Er will ein normaler Junge sein wie die Kinder in seinem Viertel. Dem durchaus noblen Ansinnen des Vaters, er solle einmal ein besseres Leben haben, begegnet er mit Fluchten aus dem Ballettunterricht. Die Regelverstöße quittiert der Vater mit brutalen Schlägen. Für den 10-Jährigen gibt es kein Abweichen. Yuli muss ins Tanz-Internat. Dort ist er einsam, von den anderen Schülern nicht akzeptiert. Eine Ballett-Darbietung in der Schule scheint ein Aha-Erlebnis zu sein, die ihn plötzlich ehrgeizig werden lässt.

Dann ein großer Zeitsprung. Yuli gewinnt als Jugendlicher alle wichtigen Tanzwettbewerbe. Schade, durch den Cut fehlt dem Zuschauer der komplette Werdegang.

Schnell wird Yuli im Ausland engagiert, unterstützt von seiner kubanischen Lehrerin, tanzt er auf den gefragten Ballettbühnen der Welt und wird schließlich erster Solotänzer beim Royal Ballet in London. Die Medien feiern Acosta, Doch nicht überschäumendes Glück überträgt sich über die Kinoleinwand auf den Zuschauer, immer wieder nur Sehnsucht nach der Heimat Kuba, tiefgehende Einsamkeit und Abneigung gegen das Ballett.

„Diese Einsamkeit hab ich mein ganzes Leben gefühlt. Sogar heute als Erwachsener ist sie noch da. Die Einsamkeit verlässt dich nie.“ Vielleicht das wichtigste Zitat von Carlos Acosta, des ersten schwarzen Romeos im Ballett.

Welche Gefühle der Film noch vermittelt? Bedrückende Stimmung. Den Hass auf das Talent und das Ballett. Den Widerstreit der Gefühle zum Vater, der zwischen Hass und Liebe schwankt. Der Zuschauer leidet mit Acosta.

Ein kleiner Trost: Carlos Acosta kehrt als erwachsener Mann nach Kuba zurück. Er scheint seinen Frieden mit seinem Leben gemacht zu haben. Acosta hat seine eigene Ballettgruppe, mit der er diese überzeugende Choreographie einstudiert. Gefühlvoll, aufwühlend, mit großer technischer Präzision. Zehn Choreographien, in denen Acosta selbst seinen Vater tanzt, durchbrechen oder besser, unterstreichen die filmischen Rückblenden ins junge Ich des Tänzers.

Inhaltlich hat sich der Streifen auf die Einsamkeit und die innere Zerrissenheit des Ausnahmetalents konzentriert. Soziale Bindungen, außer die zu seiner Familie, spielen eine geringfügige Rolle im Film. Weder Freundschaft außerhalb Kubas noch Liebesbeziehungen scheinen von Bedeutung zu sein.

Weder erfährt der Zuschauer, wie genau aus dem kleinen Yuli der große Carlos Acosta werden konnte. Warum seine Schwester plötzlich psychisch krank ist und sich schließlich ins Meer stürzt, bleibt ungeklärt.

Was bedeuten Yulis Ausflüge zu der Ruine einer von Fidel Castro nie fertiggestellten Kunsthochschule? Vielleicht stellt die Ruine das innere Seelenleben von Acosta dar? Als Metapher. Für die freie Entfaltung, die ihm nie vergönnt war? Für die Schönheit des Balletts, das ihn innerlich zerstört hat?

Filmisch gesehen weist der Streifen keine Besonderheiten auf. Allenfalls solide wirken die Bilder und Schnitte.

Welcher Gedanke bleibt? Acosta muss wohl der unglücklichste berühmte Balletttänzer der Welt sein. Aber vielleicht macht ihn gerade diese innere Zerrissenheit zu einem der besten Tänzer...

Doch das ist nur die Meinung des Kritikers. Macht euch selbst einen Eindruck und schaut euch den Film im Broadway in Trier an.