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Manege frei für den Vorturner der SPD

Hannover. Mit viel Herz und noch mehr linker Rhetorik hat sich Peer Steinbrück die Unterstützung des SPD-Parteitages in Hannover für seine Kanzlerkandidatur gegen Angela Merkel geholt. Werner Kolhoff, stefan vetter



Hannover. Halle 8 der Hannover Messe ist ein Rondell, und der Kandidat selbst hat am Vorabend gesagt, er fühle sich wie ein Trapezkünstler. "Die Manege ist eröffnet." Da steht Peer Steinbrück nun einsam vor einer in SPD-Rot ausgekleideten Fotowand mit Deutschland-Motiven und zeigt sein gewagtes Zirkusstück: Kanzlerkandidatur eines Politikers, der eigentlich schon aufs Altenteil gegangen war, für eine Partei, die ihn eigentlich nicht wollte. 600 Delegierte gucken zu, bangen, dass er abstürzen könnte, hoffen, dass er glänzt.
Den ersten Anlauf hat der Artist verpatzt. Die Affäre um seine Honorare und missverständliche Bemerkungen, all das wird in seiner Partei offen als Fehlstart gewertet. Es liegt ein außergewöhnlicher Druck auf diesem Auftritt, nichts weniger als einen Neustart des SPD-Wahlkampfes soll er bringen. Steinbrück kommt ernst und hochkonzentriert in den Saal. So konzentriert, dass er beim Einmarsch glatt seine Frau Gertrud übersieht, die direkt am Gang steht und ihm zuklatscht.
Die Führung hat seine Rede vorher gelesen, es ist seit Tagen intensiv daran gearbeitet worden. Dass zwei Stunden kubanisch lang sind, hat dabei offenbar niemand bemerkt. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Parteichef Sigmar Gabriel machen den Trommelwirbel, bevor es losgeht. Sie erklären den Delegierten, warum Steinbrück der richtige Kandidat ist. Kraft sagt: "Er ist nicht nur Finanzpolitiker, wir kennen ihn aus Nordrhein-Westfalen auch anders." Gabriel versucht der misstrauischen Basis den 65-Jährigen so schmackhaft zu machen: "Gerade weil Peer Steinbrück öffentlich nicht als Sozialpolitiker wahrgenommen wird, gerade weil ihm viele Menschen zutrauen, die richtigen wirtschaftlichen Entscheidungen zu treffen, ist er für uns der richtige Kanzlerkandidat." Es wirkt, als stellten sie einen Fremden vor. Dann springt der Artist.
Steinbrück ist nervös. Aber er ist auch geschickt, wärmt sich und den Saal fast 20 Minuten lang mit Hinweisen auf die große Geschichte seiner Partei auf. Steinbrück, der Vertreter der Agenda-Reformen, der Honorar-Millionär, weiß, dass bei der Parteilinken das Misstrauen gegen ihn am größten ist, also hält er eine ausgesprochen linke Rede. Mindestlohn, Solidarrente, Vermögensteuer, Kontrolle der Finanzmärkte, "kein Pardon mit Steuersündern". Und den Frauen verspricht er eine Staatsministerin für Gleichstellung im Kanzleramt. Er bemüht sich um eine Imagekorrektur. Soziale Wärme rein, die Kälte des Finanzpolitikers raus. Der Trapezkünstler macht nicht nur einen Salto, er zieht sich dabei auch noch um.Meinung

Kandidat mit zwei Gesichtern
Politiker sind in aller Regel dann erfolgreich, wenn sie Erfahrung, Kompetenz und Glaubwürdigkeit ausstrahlen. Steinbrück ist zweifellos ein politisch erfahrener Mann und kompetent dazu. Und die Glaubwürdigkeit? Dass es hier weniger rosig aussieht, hat nicht nur mit Steinbrücks reger Vortragstätigkeit zu tun, die ihn zum Millionär machte, was für einen Herzblut-Sozi, nun, sagen wir, gewöhnungsbedürftig ist. Noch stärker wiegt die Tatsache, dass er zu den leidenschaftlichen Anhängern der Agenda 2010 aus der Schröder-Ära zählt, die große Teile der Partei am liebsten aus der sozialdemokratischen Historie tilgen würden. Im Wahlkampf 2013 will sich die Partei nun ganz zum Anwalt der Armen und sozial Entrechteten machen. Und Steinbrück? Er spricht von "Unwuchten" in der Gesellschaft. Das zeigt seine Verdruckstheit in dieser Frage. Für einen Gerechtigkeits-Wahlkampf ist er schlicht der falsche Mann. nachrichten.red@volksfreund.de