Theater

Zum Artikel "Im Niemandsland der Nüchternheit" (TV vom 16. Januar) und zu Puccinis "Tosca" in Trier:

Die Zumutungen in der Oper gehen auch unter der neuen Intendanz weiter. Puccinis Oper "Tosca" ist kein Schauspiel von Sardou, Herr Charim, und alle Versuche, eins draus zu machen, müssen scheitern - wie gesehen in der ersten Operninszenierung dieser Spielzeit ("Fidelio" war keine Opernaufführung, sondern ein - beeindruckendes - "Gesamtkunstwerk" aus Oper, Schauspiel und Konzert zum Thema Gewalt). Mit "Tosca" hätte man zeigen können, dass man auch Oper "kann". Diese Chance wurde durch das dem Stück aufoktroyierte Regie-Konzept vertan, das sich weder mit dem Libretto Illicas noch mit der Musik Puccinis verträgt. Das ist umso schmerzlicher, als die musikalischen Leistungen von Sängern und Orchester hervorragend waren. Die Floria Tosca Puccinis ist keine starke Frau, sondern Spielball von Scarpias Intrige! Die Dynamik der Handlung entfaltet sich nicht durch ihr berechnendes Handeln, sondern durch ihre Gefühle: ihre Eifersucht. Einen Blick auf Toscas Charakter erlaubt uns ihre Arie im zweiten Akt: "Der Kunst und der Liebe lebte ich." Die schlichten Akkordreihen an deren Anfang charakterisieren treffend ihr Wesen. - Mit ihrem Sentiment erfüllt die Arie aber auch eine wichtige Funktion in der Handlung: Sie ist lyrischer Ruhepunkt inmitten von Folter und Vergewaltigung (nur die Oper kann solche Momente schaffen). Die Regie aber zerstört diesen innerlichen Augenblick, indem sie Toscas Verzweiflung schon hier aggressiv gegen Scarpia ausagieren lässt. Überhaupt ist die Regie kräftig bemüht, die emotionale Kraft der Musik durch Desillusionierung auszuhebeln - auch mittels des schäbigen Bühnenbilds. Das Publikum reagiert vorhersehbar und quittiert die starke musikalische Leistung mit nur lauem Applaus. Lediglich die Erschießungsszene am Schluss wird realistisch ausgespielt, die Darsteller dürfen einmal zeigen, was sie können, und das Publikum wird halbwegs befriedigt entlassen. - Macht endlich Schluss mit dieser inkompetenten Opernregie! Muss man denn wirklich 100 Kilometer weit fahren, um im (vorzüglichen) Pfalztheater Kaiserslautern oder in Saarbrücken und Koblenz gute Opernaufführungen zu erleben? Apropos: Wer es bisher noch nicht bemerkt haben sollte: Das Dreisparten-Theater Trier mit Oper/Schauspiel/Tanz ist tot - oder einer Trias von Musical/Schauspiel/Tanz gewichen. Da stellt sich die Frage: War es das, was mit der Berufung von Karl Sibelius bezweckt wurde: die Abwicklung der Oper, Herr Egger? Wolfgang Grandjean

Mehr von Volksfreund