1. Nachrichten
  2. Kultur

Die Kulturmacher: Portrait von Rudolf Hahn aus Trier

Kulturmanagement : Marx lässt ihn seit der Jugend nicht los

Von Martin Möller

Dogmatismus ist nicht sein Ding. Bis in Auftritt und Gestik hinein strahlt Rudolf Hahn eine Verbindung von Konzentration und zugleich Liberalität aus. Da ist bei ihm ein leidenschaftliches Vertiefen in die Sache zu spüren, um die es gerade geht und dabei eine generöse Toleranz gegenüber jeder abweichenden Meinung. Nur zu einem bezieht er Distanz – zu der Geisteshaltung, deren Ergebnis er mit dem Kunstbegriff der „Ismen“ bezeichnet. Taugt so jemand wie Hahn ausgerechnet für ein Marx-Projekt? Ja – und das aus gutem Grund.

Die Lebensgeschichte von Rudolf Hahn klingt wie ein Präludium auf seine federführende Funktion als Programm-Koordinator im Trierer Marx-Vorhaben. Hahn lehrte von 1980 bis 1987 als Lehrer am Gymnasium mit der für ihn wahrscheinlich wegweisenden Fächerkombination aus Französisch und Politik. 1987 entschied er sich für die Erwachsenenbildung, zunächst an der Volkshochschule Saarlouis und vom Februar 2002 bis zur Pensionierung am 1. Dezember 2014 als Direktor des Trierer Bildungszentrums. Das umfasst Volkshochschule, Musikschule und die Stadtbibliothek mit Sitz am Trierer Domfreihof. Das Ruhestand-Intermezzo indessen war nur kurz. Als ein Koordinator für das Marx-Jubiläumsprogramm gesucht wurde, fiel die Wahl wie selbstverständlich auf Rudolf Hahn. Seit 2015 steht Karl Marx bei ihm auf der Agenda, und da vor allem eins: Wie vermittelt eine Stadt, die bislang nicht als Marx-freudig galt und die Karl-Marx-Straße in einen eher verrufenen Winkel verbannte – wie vermittelt die ein Bild von Leben und Werk dieser Figur, und das ohne biografische und inhaltliche Schablonen?

Hahn war im Jahr 1968 zwar noch jung, aber alt genug, um die Konflikte wahrzunehmen, die damals  die Republik erschütterten. „Ich bin von 1968  sozialisiert“, sagt er. Ein Schlüsselerlebnis waren die Trierer Veranstaltungen im Jahr 1968 zu 150 Jahren Marx. Während drinnen im Theater die Honoratioren der Stadt sich mit dem damaligen Außenminister Willy Brandt und Utopie-Philosoph Ernst Bloch an Marx abmühten, fand vor der Porta eine eindeutig marxistisch geprägte Gegenveranstaltung statt – immerhin mit dem Marburger Philosophen Wolfgang Abendroth und Helene Weigel, der Brecht-Witwe und großen Schauspielerin. Vielleicht hat Hahn da schon geahnt, dass der Versuch scheitern muss, das vielfältige Werk dieses Denkers auf eine einzige politisch-philosophische Richtung hin einzuschwören, es gewissermaßen zu kanalisieren.

Das Trierer Marx-Projekt, wie Hahn es praktiziert, ergeht sich darum nicht in lehrhaften Vorgaben und eindimensionalen Theorie-Ansätzen. Es soll Marx als historische Figur vermitteln, als Denker in seiner Zeit. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Aus dem historischen Abstand sind Urteile mit größerer Unbefangenheit möglich. Und ganz bewusst wird in Trier ein breites Spektrum an Zugangsmöglichkeiten zu Marx entwickelt – von akademischen Diskursen über Ausstellungen bis hin zu einem Marx-Musical und einem internationalen Kongress. Zwei Jahre dauerte der Planungsprozess, bis das Programm stand. An die 50 Institutionen in Trier wurden einbezogen.  Marx, so die Absicht der Planer, soll möglichst überall in der Stadt präsent sein. Und jeder, der diesem Denker begegnet und seinem Werk, soll in die Lage versetzt werden, sein eigenes, sein persönliches Bild von Marx zu entwickeln – positiv wie negativ und wohl nicht selten beides zugleich.

Vielfalt – und das ist Rudolf Hahns Credo zum Trierer Marx-Jahr! – Vielfalt ehrt diesen Denker entschieden mehr als jeder Dogmatismus.