Mehr Bewegung fürs Hirn

Lässt die Gehirnleistung im Alter nach? Nutzt der Mensch nur einen Teil seines Gehirns? Machen mich meine Gene zu dem, was ich bin? Wer mit Ja antwortet, liegt wissenschaftlich daneben. So sieht es ein renommierter Hirnforscher.

 Albert Lichtenthal. Foto: privat
Albert Lichtenthal. Foto: privat

Trier. Fünf plakative Annahmen - und fünf Mal gibt's ein deutliches Nein als Antwort. Für den aus Waldrach (Kreis Trier-Saarburg) stammenden promovierten Neurobiologen und Dozenten Albert Lichtenthal (45) gibt es viele falsche Vorstellungen übers Hirn.

Annahme 1: Die Hirnleistung lässt mit zunehmendem Alter zwangsläufig nach. "Diese Vorstellung ist aus Sicht der modernen Hirnforschung falsch", sagt Lichtenthal. "Ein älteres Gehirn hat nur eine andere Lernstrategie." So könne man bei einem 20-Jährigen Fakten wie über einen Trichter einfüllen: Die Informationen würden schnell sortiert, landeten flott im Langzeitgedächtnis. "Bei einem 75-Jährigen wird das Gehirn dagegen sagen: "So läuft das nicht!" Es profitiert, wenn es aktiv mitarbeitet und wenn die Informationen wie Mosaikbausteine einsortiert werden. Die neuen Informationen werden mit altem Wissen verknüpft. Das erfordert aber eine andere Art der Wissensvermittlung." Darin liegt auch laut Lichtenthal der Grund, warum Ältere bei Leistungstests oft schwächer abschneiden als Jüngere: "Die Tests sind einfach nicht auf Ältere zugeschnitten."

Annahme 2: Nur ein überschaubarer Teil des Gehirns wird tatsächlich genutzt. "Ich habe selbst noch vor zehn Jahren an der Universität gelehrt, dass das menschliche Gehirn mit 20 Jahren fertig gebildet ist. Dann sei alles da, alles verknüpft. Dann komme der Zelltod - aber der sei ja nicht schlimm, weil man ja doch nur 30 Prozent der Hirnmasse nutze. Alles Quatsch! Das Gehirn benutzt 100 Prozent der Neurone, der Nervenzellen. Sobald auch die kleinste Einheit nicht benötigt wird, wird sie für etwas anderes genutzt. So arbeitet das Gehirn extrem ökonomisch. Es bildet auch lebenslang neue Verbindungen", sagt Lichtenthal. Das Unangenehmste für Nervenzellen sei monotone Berieselung, etwa durch anspruchslose Fernsehprogramme. "Das ,passive Sehen' ohne unsere aktive Teilnahme ist eine Beleidigung für das Gehirn."

Annahme 3: Stress ist zwar schlecht - aber Lampenfieber kann doch auch beflügeln! "Die moderne Forschung ist komplett weg vom Ansatz, dass Stress helfen könnte, um Top-Leistungen zu bringen. Im Sport mag das noch im Ansatz zutreffen. Die moderne Stressmedizin sagt: Es gibt nur schlechten Stress. Den Organen ist es völlig egal, aus welchem Grund gerade das schädliche Adrenalin freigesetzt wird. Es schädigt den Körper immer. Das kann man auch weiterführen: Aufhören mit negativen Gedanken, Aufhören mit dem Zeitdruck, den man sich macht und - überspitzt gesagt - auch aufhören mit Fußballschauen. Und wenn doch, dann bitte weniger aufregen. Eine Studie aus München hat gezeigt, dass das den Stress erheblich erhöht: Dazu muss man sich nur anschauen, wie viel mehr die Notaufnahmen zu tun haben, wenn ein wichtiges Länderspiel wie damals bei der WM ansteht."

Annahme 4: Ich kann nicht aus meiner Haut - aber das sind eben die Gene! Vor ein paar Jahren war es das große Thema in der Genetik: Die Entschlüsselung des Genoms (Erbgut). Gesucht wurde nach dem Mörder-Gen, dem Verlierer-Gen, dem Glücks-Gen. Erfolglos. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Für Lichtenthal hat das Verhalten ohnehin nichts mit den Genen zu tun. "Ob wir schüchtern sind, aggressiv oder schnell gestresst sind - das wird vom Baby-Alter an erlernt und antrainiert. Es ist abhängig von dem, was von Eltern, Geschwistern oder Freunden vorgelebt wird. Daher ist so wichtig, Kindern kein negatives Selbstwertgefühl zu vermitteln. Es zeigt sich: Wer sich ändern will, kann das auch. Man braucht den Willen und eine gute Methode, seine Denkmuster zu ändern."

Annahme 5: Actionspiele am Computer? Die entspannen mich! Lichtenthal hat Zweifel daran. Für eine WDR-Sendung habe er einmal den Stress-Level von Kindern gemessen, die vor Ballerspielen an der Konsole saßen. "Die Messwerte waren unfassbar schlecht. Die Adrenalin-Werte waren sehr hoch. Mag man das als Spaß und Unterhaltung empfinden, das Gegenteil gilt für den Körper. Der Blutdruck steigt, die Herzfrequenz ist erhöht, die Gefäße leiden, das Immunsystem verschlechtert sich - deshalb sind diese Computerspiele Körperverletzung."

Extra Vortrag: "Schatzi, bringst du den Müll runter?" oder: "Frauen und Technik". Warum diese Aussagen und andere Dinge im Alltag nerven und was Ihr Gehirn dazu beiträgt. Was geschieht in unserem Gehirn, und warum reagieren wir so? Um diese und weitere Themen aus der Hirnforschung geht es bei einem Vortrag von Albert Lichtenthal am Sonntag, 1. November, 18 Uhr, im Chat Noir Trier. (AF)