Ausgeschlafen sein - was heißt das?

Ausgeschlafen sein - was heißt das?

TRIER. Fünf Betten stehen im Trier Schlaflabor, einer Abteilung der Lungen- und Herzstation des Brüderkrankenhauses. Chefarzt Dr. Joachim Vogt behandelt hier vorrangig Patienten mit nächtlichen Atemstillständen, so genannte Schlafapnoeiker.

"Der träumt gerade", sagt Patrick Tröster und weist auf einem der vielen Monitore im Überwachungsraum des Trierer Schlaflabors auf zwei wild gegenläufige Zickzacklinien. Die beiden Kurven verzeichnen die Augapfel-Bewegungen des verkabelten Patienten, der im Zimmer nebenan unter einer Beatmungsmaske schläft. An weiteren Kurven liest der Geografiestudent während seiner Nachtwache Atemfluss, Gehirnströme, Herztöne, die Muskelspannung in Beinen und Unterkiefer, die Atembewegungen von Brust- und Zwerchfell und den Sauerstoffgehalt des Blutes ab. "Bei manchen sinkt die Sauerstoffsättigung von 99 auf unter 50 Prozent", sagt der 25-jährige Student, der seinen Zivildienst im Ingolstädter Schlaflabor gemacht hat. Einer hat mal über zwei Minuten lang nicht geatmet. Der Sauerstoffgehalt im Blut sinkt, weil den Patienten bis zu 400 Mal pro Nacht der Atem für mehr als zehn Sekunden still steht. Das Gehirn registriert den Abfall und "weckt" den Körper auf, die Muskeln werden aktiviert, der Patient atmet weiter. "Die Apnoeiker haben schon in der Einschlafphase Atempausen. Weil das Gehirn dann Weckreaktionen einleitet, gelangen die Patienten gar nicht erst in die Tief- und Traumschlafphasen", sagt Dr. Joachim Vogt, Chefarzt der Lungenabteilung am Brüderkrankenhaus. "Fatal dabei ist, dass der Mensch Tief- und Traumschlaf dringend braucht, um sich körperlich und geistig fit zu fühlen." Ständige körperliche und geistige Müdigkeit sind die Symptome, mit denen Apnoeiker zu kämpfen haben. "Schlafapnoeiker sind tagsüber ungewöhnlich müde und morgens - unabhängig davon, wie lange sie geschlafen haben - unausgeruht, manche haben Kopfschmerzen und Potenzprobleme", beschreibt Vogt die Symptome. Den auffälligsten Hinweis auf die Krankheit, nämlich lautes Schnarchen mit Atempausen, wird vom Patienten selbst häufig gar nicht registriert. Sie selbst glauben, sie schliefen gut. Fast immer machen Bettgenossen - wie die Ehefrau, die durch das Schnarchen ihres Mannes ebenfalls an Schlafstörungen leidet - die Apnoeiker auf ihr Leiden aufmerksam. Doch das Leidensbild zieht weitere Kreise: "Die Patienten bekommen Konzentrationsprobleme und häufig auch Schwierigkeiten auf der Arbeitsstelle", erzählt der Lungenfacharzt. "Einer meiner Patienten hatte einen schweren Autounfall, weil er plötzlich am Steuer eingeschlafen war. Einen Berufskraftfahrer hat die Polizei in Frankreich in bewusstlos-schlaftrunkenem Zustand aus seiner LKW-Kabine gezogen und ihm den Führerschein entzogen. Durch die Therapie konnte er seinen Beruf wieder aufnehmen." Ewig müde, gefährdet im Alltag

Bei den meisten Apnoeikern verengt sich durch die natürliche Muskelerschlaffung im Schlaf der Rachenbereich so sehr, dass die Atemluft nicht mehr strömen kann. Gründe dafür können Übergewicht oder eine Anomalie der Kieferpartie sein. "Die Patienten bleiben zwei bis drei Nächte. Anschließend wird ein Gerät, an das eine Gesichtsmaske per Schlauch angeschlossen ist, auf sie eingestellt", erklärt Joachim Vogt. Die Gesichtsmaske müssen die Patienten zu Hause jede Nacht tragen. "Ein gleichbleibender Luftdruck sorgt dafür, dass der Rachenraum freigehalten wird. Bei vielen stellt sich schnell eine erhebliche Verbesserung des allgemeinen Befindens ein. Sie sind fitter und ausgeschlafen." Es ist 22 Uhr. Nachtwache Tröster hilft dem letzten noch wachen Patienten beim Anlegen der Beatmungsmaske. Es ist Michael K.s zweite Nacht im Trierer Schlaflabor. "Vor 14 Jahren hat mir ein Stubenkamerad bei der Bundeswehr schon gesagt, dass ich nachts Atemaussetzer habe", sagt der Dauner. Ständig müde sei er gewesen. "An freien Tagen habe ich ganze Nachmittag verschlafen." Zum Arzt ist er deswegen allerdings nie gegangen. Bis er vor einem Monat eine Halsinfektion hatte, die die Rachenverengung noch verstärkte, und nachts fast erstickt wäre. "Ich hatte einen Alptraum, in dem ich ertrank. Ich bin hochgeschreckt und habe nach Luft gejapst", erzählt Michael. In die Beatmungstherapie setzt er große Hoffnungen: "Ich weiß ja gar nicht, wie man sich fühlt, wenn man ausgeschlafen ist."

Mehr von Volksfreund