Damals in Spanien

Die Begegnung mit Deutschland am Donnerstag (21 Uhr/ZDF) ist für die Franzosen mehr als nur ein Fußballspiel. Von Revanche will nach jener "Nacht von Sevilla" allerdings kaum noch einer reden.

Paris. "Diesmal glauben wir daran", titelt die Zeitung Le Parisien. Gemeint ist nach dem Sieg der französischen Nationalmannschaft gegen Island auch der Erfolg gegen die Deutschen im Halbfinale am Donnerstag (21 Uhr/ZDF). Für die Franzosen geht es um mehr als nur das sportliche Ergebnis. "Auf dieses Halbfinale warten wir seit einer Ewigkeit", schreibt Le Parisien. Genauer gesagt seit 34 Jahren, seit jener "Nacht von Sevilla", dem WM-Halbfinale 1982 zwischen Frankreich und Deutschland, das das DFB-Team nach Elfmeterschießen für sich entscheiden konnte und seit jeher im kollektiven Gedächtnis der Franzosen weiterlebt. "Das war meine schlimmste Erinnerung mit den Bleus", sagte Präsident Francois Hollande vor zwei Jahren bei der WM.
Unvergessen ist die Begegnung vor allem wegen des bösen Fouls von Toni Schumacher an dem Franzosen Patrick Battiston, der bewusstlos vom Platz getragen wurde. Von Revanche will Trainer Didier Deschamps aber nicht sprechen. Das Mitglied der französischen Weltmeisterelf von 1998 konzentriert sich wie sein deutscher Kollege Joachim Löw auf die Gegenwart. Immerhin sind die Spieler, die am Donnerstag im Stade Vélodrome in Marseille auflaufen, 1982 noch nicht einmal geboren gewesen. "Die Franzosen sind alles andere als nachtragend", bemerkt der Soziologe Albrecht Sonntag in Le Monde. Auf die Frage, welche Mannschaft schnell aus dem Turnier ausscheiden solle, werde Deutschland kaum genannt. Besonders niedrig sei der Anteil unter den unter 30-Jährigen und auch in der Altersgruppe der über 40-Jährigen liege er nur bei 17 Prozent. Zumindest den jungen Franzosen geht es also um einen sportlichen Sieg gegen eine Mannschaft, gegen die die Bleus seit 1958 in keinem entscheidenden EM- oder WM-Spiel mehr gewinnen konnten. 1982, 1986, 2014 - die Daten der wichtigsten Niederlagen werde immer wieder in Erinnerung gerufen. "Wir werden endlich wissen, was wir wert sind", bemerkt der Fernsehsender BFM. Rivalität statt Revanche also.
Die Spieler von Joachim Löw sind so etwas wie die gleichaltrigen Verwandten, an denen einen die Eltern gerne messen. "Unsere lieben deutschen Cousins" schreibt der Parisien denn auch über den Dauerrivalen. Spätestens seit dem 13. November, als Attentäter beim Freundschaftsspiel Deutschland-Frankreich das Stade de France angriffen, ist die sportliche Feindschaft in den Hintergrund gerückt.
Damals saß auch Hollande zusammen mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier auf der Tribüne, als die erste Bombe vor dem Eingang D detonierte. Der Präsident, ein bekennender Fußballfan, machte schnell klar, dass die EM trotzdem stattfinden wird. Für den Sozialisten, der sich kein EM-Spiel der Bleus entgehen lässt, geht es bei dem Turnier nicht nur um den sportlichen Erfolg der Nationalmannschaft, sondern auch um das Bild seines Landes. Das hatte vor allem in den ersten Tagen des Turniers heftig gelitten: streikendes Bahnpersonal, nicht abgeholter Müll und protestierende Gewerkschafter prägten die Aktualität. Inzwischen ist die Streikbewegung in sich zusammengefallen und die Gewerkschaften wollen ihren Protest erst nach den Ferien wieder aufnehmen.
Eine willkommene Atempause rechtzeitig zum Ende der EM. Zur Krönung fehlt nur noch der Sieg gegen Deutschland - und der Titel. Doch wie sagte der von Schumacher 1982 so hart gefoulte Battiston Anfang Juni in einem Interview: "Ich bin überzeugt, dass der Sieger des Halbfinales gegen Deutschland auch die EM gewinnt."