"Die Kleinen sind im Kommen"

Die großen Parteien sind die Verlierer, die kleinen die Gewinner der Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen. Wie müssen SPD und CDU darauf reagieren? Der TV sprach mit dem Trierer Parteienforscher Uwe Jun.

Trier. (wie) Die Linken werden sich nun auch in westdeutschen Parlamenten etablieren. Das glaubt der Trierer Parteienforscher Uwe Jun. Mit ihm sprach unser Redakteur Bernd Wientjes. Wer ist aus Ihrer Sicht Sieger in Hessen? Jun: Jedenfalls nicht die beiden großen Parteien. Sie sind in der Wählergunst weiter auf dem absteigenden Ast. Beide zusammen erreichen sowohl in Hessen als auch in Niedersachsen gerade mal etwas mehr als 70 Prozent. Die kleinen Parteien sind im Aufwärtstrend. Daher sind die Gewinner dieses Sonntags sowohl FDP als auch Linke. Stichwort Linke: Sind Hessen und Niedersachsen erst der Anfang für die Wahl-Erfolge der ehemaligen PDS im Westen? Jun: Die Linke beginnt sich in Westdeutschland zu etablieren. Sie hat es am Sonntag gleich in zwei westdeutschen Flächenstaaten geschafft, auf Anhieb in die Landtage zu kommen. Auch bei der demnächst anstehenden Wahl in Hamburg dürfte sie den Sprung in die Bürgerschaft schaffen. Im nächsten Jahr im Saarland wird sie mit ihrem Spitzenkandidat Oskar Lafontaine ein Heimspiel haben. Was bedeutet das für die SPD? Jun: Die Sozialdemokraten müssen sich nun eine Strategie überlegen. Obwohl die SPD sowohl in Hessen als auch in Niedersachsen stark die soziale Gerechtigkeit gesetzt hat und die Bundespartei das Signal ausgesendet hat, stärker nach links zu rücken, hat das die Stärke der Linken nicht beeinträchtigt. Das wird für die SPD schwierig, darauf zu reagieren. Sie muss vor allem Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, etwa mit der Betonung traditionellerer Werte. Haben SPD und CDU in Hessen auf die falschen Themen gesetzt?Jun: Einerseits beschweren sich die Wähler, wenn sich die Parteien im Wahlkampf nicht unterscheiden. Andererseits hat sich in Hessen gezeigt, wenn eine der beiden Parteien die Konsenslinie verlässt und stark polarisiert, wird sie auch von den Wählern abgestraft. Es ist also für die großen Parteien nicht so einfach. Hat Koch überzogen mit dem Thema Jugendkriminalität? Jun: Am Ende Ja, als er den Eindruck erweckte, er wolle Kinder einsperren. Wie geht es Ihrer Ansicht nach in Hessen nun weiter: Ampel, Jamaika oder große Koalition? Jun: Ein Bündnis von SPD, Grüne und FDP kann ich mehr nicht vorstellen. Die Liberalen würden das nur unter Bedingungen machen, auf die sich die Grünen nicht einlassen werden. Eine große Koalition ist durchaus denkbar aber nicht unter der Führung von Roland Koch, sonst würde sich die SPD nicht darauf einlassen. Ich kann mir auch vorstellen, dass einige in der SPD auch über eine Links-Koalition mit Grünen und Linken nachdenken.