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Eine Stimme mehr im Bildungs-Kanon

Eine Stimme mehr im Bildungs-Kanon

Das neue Bildungsbündnis Rheinland-Pfalz will sich kräftig in die Bildungspolitik im Land einmischen. Dabei will man nicht nur kritisieren, sondern praktische Erfahrungen aus dem Schulleben vor Ort einbringen.

Mainz. Auch altgediente Experten des Polit-Betriebes in der Landeshauptstadt erleben manchmal eine Überraschung. So wie am Freitagmittag Wolf-Jürgen Karle, seit vielen Jahren Sprecher des Bildungsministeriums. Angesprochen auf das neue Bildungsbündnis, sagt Karle: "Hä? Wer ist denn das? Davon habe ich noch nie was gehört." Eine Stunde später ist der Pressesprecher schlauer geworden.

Der bildungspolitische Kanon im Land ist um eine Stimme reicher geworden. Wenn es nach den Initiatoren geht, soll es eine mächtige Stimme werden, die sich Gehör verschaffen kann. Angefangen hat alles laut der Trie-rerin Jutta Albrecht damit, dass sich Eltern in Schulelternbeiräten oder bei Fortbildungen kennengelernt und festgestellt haben, dass an den Schulen in Trier die gleichen Probleme herrschen wie in Kaiserslautern, Mainz oder Speyer. "Bei meinem Sohn fielen am Humboldt-Gymnasium Trier (HGT) vergangene Woche acht von 33 Stunden aus", erzählt Albrecht. Das sei keine Ausnahme. "Dann tauscht man Adressen aus, stöbert im Internet, liest Presseberichte und hat das Bedürfnis, etwas zu unternehmen."

Schulträger und Schulelternbeiräte vor Ort seien die ersten Ansprechpartner gewesen. Später der Regionaleltern- und der Landeselternbeirat. Hier habe man jedoch eine "gewisse Nähe" zum Ministerium festgestellt. "Die haben da ja sogar ein Büro." Also sei beschlossen worden, sich zusammenzuschließen und sich einzumischen. Herausgekommen ist das Bündnis (siehe Extra). Dessen Ziel formuliert Jutta Albrecht so: "Wir wollen nicht nur kritisieren. Wir wollen aktiv mitmachen und unsere Erfahrungen einbringen." Eben diese Erfahrungen von Eltern und Lehrern im Schulbetrieb sind nicht die besten. "Es klemmt an allen Ecken und Enden", sagt Bündnis-Sprecher Harry Wunschel. Seine Kollegin Elvire Kuhn untermauert das.

Hauptforderung lautet: Mehr Lehrer einstellen!



"Der vom Ministerium vorgelegte Unterrichtsausfall ist nur die halbe Miete. In Wahrheit fallen - bedingt durch Krankheiten, Klassenfahrten oder Fortbildungen - doppelt so viele Stunden aus." Die Hauptforderung des Bündnisses lautet daher, mehr Lehrer einzustellen. Wobei der Unterricht von fachlich und pädagogisch voll ausgebildeten Lehrkräften erteilt werden soll und nicht von Vertretungskräften. "Sie wollen ja auch nicht von jemandem operiert werden, der kein Arzt ist", verdeutlicht Kuhn.

Das Bündnis verlangt vor allem eine langfristige Planung im Schulbereich. Noch immer würden zu wenige Referendare ausgebildet, weil Seminarplätze fehlten. In Fächern wie Mathematik oder Physik herrsche ein großer Mangel an Bewerbern. Vorerst arbeitet man laut Jutta Albrecht noch daran, weitere Partner zu gewinnen und öffentlich wahrgenommen zu werden.

Die Reaktionen auf den neuen Akteur in der Bildungspolitik lassen nicht lange auf sich warten. Vera Reiß, Staatssekretärin im Bildungsministerium, sieht vom Bündnis "ein sehr verzerrtes Bild von der Qualität des Unterrichts und von der bildungspolitischen Diskussion" gezeichnet. Nicht zuletzt aufgrund der qualifizierten Arbeit der Lehrkräfte und deren hohem Engagement hätten die Schüler im Land bei den jüngsten internationalen Vergleichsstudien gut abgeschnitten. Dass eine gute Unterrichtsversorgung ganz oben auf der bildungspolitischen Agenda stehen müsse, sei für die Landesregierung eine Selbstverständlichkeit.

"Die Unzufriedenheit bekommt einen Namen", lässt dagegen CDU-Sprecherin Bettina Dickes verlauten. Für die Landesregierung sei es "ein Armutszeugnis, wenn ein Protest dieser Größenordnung auf die Missstände in unseren Schulen hinweist". FDP-Sprecherin Nicole Morsblech begrüßt das neue Bündnis ebenfalls. Die FDP unterstütze nachdrücklich dessen Anliegen.extra Die Partner: Elterninitiative Rheinland-Pfalz, Elterninitiative "Kleine Klassen sind das Ziel", Elterninitiative für kleine Klassen Kaiserslautern, Arbeitskreis Unterrichtsversorgung, Mitglieder der AG Trierer Grundschulen, Philologenverband, Verband Deutscher Realschullehrer, Verband der Lehrer an Wirtschaftsschulen, Verband der Lehrer an Berufsbildenden Schulen. Die Ziele: Vermeidung von Unterrichtsausfall, Verbesserung der Unterrichtsqualität, kleinere Klassen, Erhalt einer vielfältigen, differenzierten Schullandschaft, Stärkung der beruflichen Bildung, Qualität des Lehrernachwuchses, Neuordnung der Schülerbeförderung.