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Folge 15: Mit einem Wanderprediger kommt die Zeitenwende

Folge 15: Mit einem Wanderprediger kommt die Zeitenwende

Wo einst viele Götter die Geschicke der Menschen bestimmten, herrscht heute der Glaube an einen einzigen Gott vor. Das Christentum eroberte das Abendland - es bediente sich dazu auch bei älteren Glaubensmodellen.

Den Beginn, scheint es, kennen wir alle. "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde." So steht es in der Bibel. Der Gott, von dem dort die Rede ist, muss uns nicht näher vorgestellt werden. Wir wissen, dass weder der griechische Göttervater Zeus gemeint ist noch Odin, Hauptfigur der nordischen Mythologie. Es ist der Gott der Christen, von dem die Rede ist. Er hat das mythische Personal, das jahrhundertelang in Europa erfolgreich war, vertrieben. Das Christentum ist heute die beherrschende Religion unserer Hemisphäre. Und die wichtigste Gestalt unserer Kultur ist der Gott der Bibel. Eine Selbstverständlichkeit? Aus gegenwärtiger Sicht: sicher. Und doch alles andere als selbstverständlich, wenn man an den Anfang blickt.
Kulturgeschichte der Menschheit


Der markanteste Punkt in der Entstehungsphase des Christentums liegt im Jahr 30 unserer Zeitrechnung: Ein jüdischer Wanderprediger namens Jesus von Nazareth wurde der religiösen Überlieferung nach in Jerusalem ans Kreuz genagelt. Was immer historische Realität gewesen sein mag in jenen Tagen - so oder so sah es nicht gut aus für die junge Glaubensgemeinschaft. Man war sich uneins, wie es weitergehen soll, sprach vom Weltuntergang und murrte gegen die römischen Besatzer. Eine Zeitenwende sollte kommen - doch unter welcher Führung? Jesus war tot. Und Jerusalem, das Zentrum des erwachenden Neuglaubens, wurde im Jahr 70 nach einem Aufstand gegen die Römer zerstört. Nun beanspruchten die Christus-Anhänger in Rom die Führung über die Gemeinschaft. Schließlich sei Petrus in Rom gestorben, argumentierten sie. Und Jesus selbst soll über Petrus gesagt haben, dass er auf diesen Fels seine Kirche bauen wolle.

Standortfrage:
Der Konflikt über die Standortfrage überdauerte die nächsten Jahrhunderte. Während dieser Zeit - 70 bis 100 nach Christus - wurden unter anderem die Evangelien geschrieben. Die junge Religionsgemeinschaft formte sich. Anfangs warnte sie noch vor dem nahen Weltuntergang - Jesus war nur vorausgegangen - und fand so ihre Anhänger. Doch das Warten darauf wurde lang, und der Führungsschicht liefen die Gläubigen davon.

Quellen aus der Vorzeit:
Darauf begann die intellektuelle Elite des Christentums, eine Lehre zu formulieren aus dem, was die Menschen mit Jesus verbanden. Wie schon andere Religionen und Kulturen, schöpften auch sie aus den Quellen der Vorzeit. Das Judentum hatte auf babylonischen und altägyptischen Überlieferungen aufgebaut. Die Römer hatten sich bei den Griechen bedient. Die Gemeinschaft der Jesus-Anhänger machte es ebenso.

Viele Anleihen:
Heilige Schriften des Judentums bündelte man zum Alten Testament. Bei den Griechen entlieh man die Symbolik der Götterfigur Herakles - der in der Mythologie kein Muskelprotz war, sondern Sohn eines Gottes und Friedensbringer. Wandeln übers Wasser, Himmelfahrt - dies kommt alles schon beim Griechen Herakles vor. Vom griechischen Weingott Dionysos wiederum inspiriert ist die Gabe, Wasser in Wein zu verwandeln.

Heidnische Elemente:
Auch Elemente heidnischer Kulturen wurden in die wachsende christliche Religion mit aufgenommen, auf heidnischen Kultstätten die ersten Kirchen gebaut. Mönche und Prediger zogen durch die Lande, um zu missionieren. Das übergeordnete Ziel war die Christianisierung möglichst großer Gemeinschaften. Fremde Kulturkreise sollten den neuen Glauben annehmen und sein Gewicht in der Welt stärken.
Rom steuert dagegen:
Rom versuchte lange, diese Entwicklung zu unterbinden. Das Reich forderte von den Christen, sich öffentlich zu Jupiter und seinem himmlischen Familienclan zu bekennen. Grund dafür war, dass es in der römischen Lehre keine Trennung zwischen Staat und Religion gab. Nur wer die Götterwelt verehrte, der erkannte auch den römischen Kaiser an. Er war schließlich der "Pontifex maximus", der große Brückenbauer zwischen den Göttern und den Menschen. Mit Einschüchterungs- und Verfolgungsmaßnahmen versuchte Rom, die frühen Christen an das Reich zu binden. Auf Dauer gelang das nicht. Das Christentum, das die Vergebung der Sünden predigte, gewann an Faszination. Die Zeitenwende kam schließlich in Gestalt von Konstantin dem Großen.

Konstantin bringt die Wende:
Flavius Valerius Constantinus, bekannt als Konstantin der Große, war von 306 bis 337 römischer Kaiser - und angeblich der erste Herrscher, der sich zum Christentum bekannte. Frömmigkeit dürfte bei dieser Entscheidung allerdings kaum eine Rolle gespielt haben. Konstantin war ein Machtmensch, der über Leichen ging. Unter anderem ließ er Gattin und Sohn ermorden.
Neues Bündnis:
Da das Christentum der Glaube der Zukunft zu sein schien, bekannte er sich dazu, um sich die Gefolgschaft der bald dominierenden Christenschar zu sichern. Ob sich der Römer wirklich auf dem Sterbebett taufen ließ, ist zumindest umstritten. Belegt ist dagegen: Im Jahr 313 erkannte Konstantin der Große das Christentum öffentlich an. Damit begann ein Bündnis zwischen Thron und Altar, das von nun an wachsen sollte. So ließen sich in den folgenden Jahrhunderten etwa unterlegene Gruppen und Stämme als Zeichen der Unterwerfung taufen. Oder sie wurden zwangsgetauft.

Sünde und Tod:
Mit dem neuen Glauben änderte sich auch der Blick des Menschen auf sich selbst. In der christlichen Vorstellung ist der Mensch einerseits das Ebenbild Gottes, andererseits aber durch die Erbsünde - Evas berüchtigter Griff nach dem Apfel der Erkenntnis - für immer verdammt. Menschen werden dem christlichen Glauben zufolge mit Sünde beladen geboren, können aber Vergebung erfahren, indem sie bereuen und ein gottesfürchtiges Leben führen. Durch das Christentum bekam das Leben eine neue Ausrichtung - weg von der Gegenwart, hin zur Zukunft. Der Blick der Christen wendete sich dem Tod zu. Denn dort, so die Hoffnung, wartete mit dem Himmel ein besseres Leben.

Ein Gott für alles:
Neu am Christentum war auch die Vorstellung, dass ein einziger Gott die Geschicke der Welt bestimmt. Vor der Christianisierung hatten die Menschen göttliche Ansprechpartner für Anliegen aller Art. Die Griechen beispielsweise kannten Hephaistos als Gott des Handwerks, Artemis als Göttin der Jagd oder Poseidon als Herrscher über alle fließenden Gewässer. Eine praktische Struktur, die von den pragmatischen Römern unter anderem Namen - Vulcanus, Diana und Neptun - übernommen wurde. Das Christentum räumte mit solchem Polytheismus (Vielgötterei) auf. Jetzt sollten die Menschen monotheistisch an einen einzigen Gott glauben. Noch dazu an einen, der unsichtbar blieb: "Du sollst dir kein Bildnis machen", heißt es in den Zehn Geboten. Das war eine gewaltige Umstellung.

Religiöse Darstellungen:
Kunst wurde zum wichtigen Hilfsmittel, um dieses abstrakte Gottesverständnis populär zu machen. Sie diente fortan vornehmlich der religiösen Belehrung: Im christlichen Abendland begann die lange Zeit der hauptsächlich religiösen Darstellungen in Malerei und Bildhauerei. Über Jahrhunderte nahmen Motive etwa von Maria und Jesus, von Adam und Eva, dem Heiligen Geist oder den Aposteln neun von zehn Kunstwerken ein. Bilder mussten nicht naturgetreu sein - sie sollten symbolstark den Inhalt der christlichen Lehre transportieren.

Musik und Glaube:
Gleiches galt übrigens für die Musik - weshalb Rhythmen, die in die Beine gehen, auch kategorisch abgelehnt wurden. Musik war nicht zum Tanzen da oder zum Vergnügen. Sie galt nur als wertvoll, sofern sie an die göttliche Schönheit erinnerte. So setzte sich das Christentum seit dem spätrömischen Reich nicht nur dank der Kunst durch - es dominierte auch die Musik. Erst in der frühen Neuzeit und mit dem Erstarken der Städte sollte sich dieser religiös dominierte Stellenwert der Kunst wieder ändern.
Lesen Sie in der nächsten Folge: Krieger im Namen Christi - die Kreuzzüge
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"Du sollst dir kein Bildnis machen": Dieses zweite der Zehn Gebote sorgte im 8. Jahrhundert nach Christus für einen Streit zwischen Verehrern (Ikonodulen) und Verächtern (Ikonoklasten) religiöser Bilder. Aufhänger war ein von Kaiser Leo III. verkündetes grundsätzliches Bilderverbot - was vielen Christen aber zu weit ging. Schließlich sollten Gemälde und Skulpturen helfen, die Bibel zu verstehen. Die byzantinischen Christen rund um Kaiser Leo aber nahmen das Bilderverbot der Bibel wörtlich - ebenso übrigens orthodoxe Juden. Daraus entspann sich der sogenannte Byzantinische Bilderstreit, der seinen Höhepunkt im 8. und 9. Jahrhundert fand und in dessen Folge Bilderverehrer sogar hingerichtet wurden. Für die ersten Christen gab es nach dem Tod nur zwei Optionen: Während die Seelen sündhafter Menschen zur Hölle fuhren, führte ein tugendhaftes Leben direkt zu himmlischer Glückseligkeit. Das Fegefeuer als Jenseitsort der Läuterung kannte man in den ersten christlichen Jahrhunderten noch nicht. Auch die Bibel verliert kein Wort über das Fegefeuer. Dennoch setzte sich das Bild der lodernden Flammen, in denen die Sünder unvorstellbare Qualen leiden, durch. Es war Papst Gregor der Große (540-604), der das Fegefeuer offiziell in der christlichen Glaubenslehre installierte - was in der Folge zum Geschäft mit Ablassbriefen führte und schließlich zur Reformation unter Martin Luther. Der Text dieser Seite entstand auf Basis eines Vortrages, den Barbara Abigt im Rahmen der Akademie der Marienberger Seminare gehalten hat. Die Textbearbeitung für den Abdruck in der Zeitung haben Andrea Mertes und Andreas Pecht übernommen. Für den Inhalt verantwortlich: Marienberger Seminare e.V. Der 80-minütige Originalvortrag ist als Audio-CD mit bebildertem Begleitheft zu beziehen bei Marienberger Seminare e.V., Tel. 02661/6702, E-Mail: mail@marienberger-akademie.de Die TV-Serie "Kulturgeschichte der Menschheit" ist eine Kooperation der Marienberger Seminare mit mehreren Regionalzeitungen. Sie wird gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz. red