Liebe Leserin, lieber Leser!

Man stelle sich Folgendes einmal vor: In einer deutschen Zeitung erschiene eine Karikatur des türkischen Regierungschefs Erdogan, die ihn als den sowjetischen Massenmörder Josef Stalin zeigt.

Und der dazu gehörige Text würde einen Zusammenhang herstellen mit der repressiven Behandlung der kurdischen Minderheit in der Türkei. Die Reaktion der Politiker wie der Bevölkerung am Bosporus wäre helle Empörung. Und hierzulande würde ein breiter Konsens darüber bestehen, dass eine solche Entgleisung mit Pressefreiheit wohl nicht mehr zu rechtfertigen sei.Nun zur Realität: Die türkische Zeitung "Vakit" ("Zeit") veröffentlichte kürzlich unter der Schlagzeile "Zweiter Hitler Merkel" ("Ikinci Hitler Merkel") ein Foto und eine Karikatur der Bundeskanzlerin. In das Foto hatten die Zeitungsmacher auf einen Ärmel des Kostüms von Angela Merkel ein rotes Hakenkreuz kopiert. Und die mit "Türken raus" betitelte Karikatur zeigte die Kanzlerin mit Vampir-Zähnen, Hitler-Bart und einer blutigen Hakenkreuz-Fahne in der Hand. Anlass für diese geschmacklos-unappetitliche Veröffentlichung war das Inkrafttreten des neuen Zuwanderungsgesetzes.

In den deutschen Medien und in der Berliner Politik wurde dieser publizistische Tiefschlag nur ganz am Rande zur Kenntnis genommen. Doch im Raum steht die Frage: Gehört ein Land wie die Türkei, in dem eine solche Presse-Veröffentlichung ganz augenscheinlich mehrheitlich die Meinung ihrer Politiker und der Bevölkerung widerspiegelt, wirklich in die Europäische Union?

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.