Zu kurz, zu spät, zu voll

Zunächst kamen die Züge zu spät auf die Schiene, jetzt sind sie täglich zu spät unterwegs: Die neuen Nahverkehrszüge vom Typ Lint sorgen derzeit für massiven Ärger auf der Eifelstrecke.

Trier. "Das Jahr 2014 steht für die Kompetenz von Alstom-Transport bei der Entwicklung, Fertigung, Zulassung, Abnahme und Übergabe von Schienenfahrzeugen." Diese Selbstbeweihräucherung des Zugbauers Alstom aus dem niedersächsischen Salzgitter muss in den Ohren der Pendler, die täglich in dem von dem Hersteller gebauten Lint zwischen Trier und Köln unterwegs sind, wie Hohn klingen. Von Kompetenz des Zugbauers jedenfalls merken die Bahnfahrer derzeit nichts. Nicht nur, dass die Lint-Züge derzeit täglich verspätet unterwegs sind. Sie sind bereits mit über einem Jahr Verspätung auf die Schiene gekommen.
Zunächst haperte es an der Zulassung der insgesamt 56 von der Bahntochter DB Regio bestellten Dieseltriebwagen (Kosten: 312 Millionen Euro) durch das Eisenbahnbundesamt. DB Regio hatte den Zuschlag für den Betrieb des sogenannten Kölner Dieselnetzes bekommen - auch deshalb, weil zugesagt wurde, moderne Züge auf der Eifelstrecke rollen zu lassen. Das Dieselnetz umfasst nicht nur die Strecke Trier-Köln, sondern auch Köln-Gummersbach und Bonn-Bad-Münstereifel). Als die Zulassung dann endlich auf dem Tisch lag, kurz vor dem geplanten Ersteinsatz zwischen Trier und Köln, hatte die Bahn Probleme mit der Abnahme der Fahrzeuge.
Seit dem Fahrplanwechsel am 14. Dezember fahren alle 56 Lint-Züge. Pendler im Kölner Dieselnetz haben in den ersten drei Wochen nach dem Fahrplanwechsel 67 Zugausfälle und eine Gesamtverspätung von 118 Minuten gezählt. Im sozialen Netzwerk Facebook haben sich über 1000 Betroffene zur Gruppe Eifelpendler zusammengeschlossen. In Echtzeit berichten sie über Zugausfälle, Verspätungen und pünktliche Verbindungen.
Die Initiatorin der Interessenvertretung, Gaby Cremer aus dem nordrhein-westfälischen Hellenthal, hat nun einen Brief an Bahnchef Rüdiger Grube geschrieben. "Was die Bahn hier abliefert, ist eine Katastrophe", schreibt sie.
Bei der Bahn selbst bestreitet man die Probleme gar nicht. Neben witterungsbedingten Ausfällen durch Schnee und Bäumen auf der Strecke gebe es Fahrzeugprobleme, sagt ein Bahnsprecher. Man stehe mit Alstom in Verbindung. Durchschnittlich seien derzeit zehn Lint-Züge nicht im Einsatz. Ersetzt werden sie durch 14 Züge vom Typ Talent, die vorher auf der Eifelstrecke fuhren. Neben geplatzten Kühlschläuchen und defekten Getrieben sorgen offenbar sich zu langsam öffnende Türen und ausfahrender Trittstufen für zu lange Halte und damit Verspätungen. An einigen Haltepunkten setzt die Bahn nun Personal ein, um das ordnungsgemäße Öffnen und Schließen der Türen zu überwachen.
Bei der Ausschreibung hat es wohl keine Vorgaben gegeben, in welcher Zeit Fahrgäste ein- und aussteigen sollen. Ein weiteres Problem: Die Züge sind zu kurz. Statt vier Wagen sind wegen fehlender Züge oft nur zwei unterwegs, statt 360 gibt es gerade mal 180 Sitzplätze. Das führt vor allem zwischen Gerolstein und Köln häufig zu völlig überfüllten Zügen.
Thomas Geyer, Direktor des für den Nahverkehr auf der Schiene in der Region zuständigen Zweckverbands SPNV Nord, kündigt an, alle möglichen Sanktionen und Vertragsstrafen gegenüber der Bahn geltend zu machen. Für jede nicht erbrachte Leistung (Zugausfall) muss das Unternehmen, das den Auftrag für Bahnverkehr bekommen hat, dem Auftraggeber, in dem Fall dem SPNV Nord und dem Nahverkehr Rheinland, Strafen zahlen. Mit den 2014 angefallenen Strafzahlungen der Bahn sollen auch neue zusätzliche Wagen finanziert werden. Die Zahl der Sitzplätze soll durch Umbauten im Mittelteil der Züge auf 300 erhöht werden. Allerdings sollen die umgebauten Fahrzeuge erst 2017 zum Einsatz kommen.
Extra

Auf der Moselstrecke zwischen Perl und Trier gibt es auch Kapazitätsprobleme bei den Zügen. Sie sind zu kurz. Vor allem morgens müssten sich Fahrgäste "reinquetschen", hieß es. Die Bahn habe sich nicht an die vereinbarten Kapazitäten gehalten und sei unmissverständlich aufgefordert worden nachzubessern, sagt Thomas Geyer, Direktor des für den Nahverkehr auf der Schiene zuständigen Zweckverbands SPNV Nord. Kapazitätsprobleme und Verspätungen gibt es auch zwischen Luxemburg, Trier und Koblenz. Der Grund: Die geplante Koppelung der Züge vom Typ Kiss aus Luxemburg mit denen aus Saarbrücken (Flirt) in Trier zu einem Zug Richtung Koblenz funktioniert aus technischen Gründen noch nicht. Daher stehen auf der Strecke weniger Sitzplätze zur Verfügung als geplant. Laut Geyer soll die Koppelung ab 16. März möglich sein. Fahrgäste in den Zügen von Trier nach Koblenz, Luxemburg oder Saarbrücken beklagen sich über nicht warm werdende Heizungen. Der Wegfall einzelner Verbindungen hat wohl dazu geführt, dass Pendler nun früher losfahren müssen, um pünktlich in Koblenz oder Trier zu sein. Auch fehlt es an Stauraum für Gepäck in den Kiss- und Flirt-Zügen. wie