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Mehr Lehrstellen als Bewerber: Ausbildung in Corona-Zeiten.

Ausbildung : Neue Azubis bleiben weiterhin gefragt

Auch wenn die Corona-Krise die regionale Wirtschaft hart getroffen hat, so stellen die Betriebe dennoch neue Azubis ein. Noch sind rund 2100 Lehrstellen offen. Dafür gibt es erst 1118 Bewerber. Experten beraten am Dienstag in einer Telefonaktion.

Der direkte Draht zu Schülern und neuen Azubis: Darauf setzt das Bitburger Maschinenbau-Unternehmen Pedax. Ob Betriebsbesichtigungen ganzer Schulklassen oder Firmenpraktika für Interessierte: „Wir verkaufen Produkte, die man nur schwer erklären und mitnehmen kann, um die Faszination dafür zu entdecken“, sagt Marion Conrady, Personalreferentin bei Pedax. Denn die 150 Mitarbeiter sind weltweit ausgewiesene Spezialisten für den Maschinen- und Anlagenbau zur Bearbeitung von Betonstahl. Doch in Zeiten von Corona ist vieles anders, vor allem die Nachwuchsrekrutierung. Denn der Betrieb hat sich abgeschirmt, es gibt weder Kunden- noch Lieferantenkontakte. Dennoch werden mehr denn je jeweils ein neuer Azubi zum Industriemechaniker, zum Zerspanungsmechaniker und Konstruktionsmechaniker benötigt. „Wir suchen händeringend“, gesteht die Personalreferentin.

Derzeit läuft die Ausbildung der aktuell 15 Lehrlinge nach Plan, „auch während des Lockdowns gab es kaum Einschränkungen“, sagt Conrady. „Die Ausbildung wurde ganz normal im Alltag unter den von unserem Krisenstab entwickelten Hygienestandard vollzogen.“ Obwohl das Unternehmen Kurzarbeit angemeldet hat, wurde sie weitaus weniger abgerufen als zunächst befürchtet. Die Kunden sind dem Bitburger Maschinenbauer treu geblieben und haben wenig Aufträge storniert. „Wir waren bislang weniger wirtschaftlich betroffen als wir es befürchtet hatten“, sagt Conrady. Gut für die Mitarbeiter, denn drei Lehrlinge werden nach ihrer Abschlussprüfung im Sommer übernommen, man bildet langfristig für den eigenen Bedarf aus. 

Damit ist Pedax in Bitburg exemplarisch für viele Betriebe in der Region Trier. „Die Ausbildungsbereitschaft ist nach wie vor hoch“, sagt Heribert Wilhelmi, Chef der Agentur für Arbeit Trier. Zwar sind mit aktuell 3905 Ausbildungsstellen weniger gemeldet als im Vorjahr (minus 8,4 Prozent). Allerdings sind es 322 mehr als noch im Februar vor der Krise. „Das Ausbildungsverhalten wird in Krisenzeiten nicht kurzfristig geopfert“, ist Wilhelmi beruhigt. „Die eigene Ausbildung ist eine strategische Entscheidung und wird als Zukunftsinvestition zur Sicherung des Fachkräftenachwuchses betrachtet. Wir werden auch nach der Corona-Krise qualifizierte Fachkräfte benötigen.“

Dies haben auch mehrere Umfragen der Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier in der Vor-Corona-Zeit ergeben, die den Nachwuchskräftemangel als größtes Unternehmensrisiko ermittelt haben. Inzwischen sind es die Corona-Folgen.

Nun geht es für die Agentur und die beiden Wirtschaftskammern darum, die herrschende Verunsicherung bei Betrieben, Jugendlichen und ihren Eltern abzubauen und freie Lehrstellen zu besetzen. „Wir ermutigen alle Unentschlossenen, die Sommerferien für Betriebspraktika zu nutzen und ihren Ausbildungsplatz zu sichern“, rät Sven Kronewirth, zuständig für Berufsorientierung bei der Handwerkskammer Trier. Er unterstützt Bewerber auch bei der Kontaktaufnahme zu Betrieben.

Auch die IHK rät zu kurzen Wegen direkt zum Betrieb. „Wir sehen positive Signale aus der Wirtschaft und müssen die Angebote an die Zielgruppe herantragen“, sagt Berufsberater Alexander Oster. Denn den noch 1118 unversorgten Jugendlichen in der Region Trier stehen knapp zwei offene Ausbildungsstellen zur Verfügung, zwischen denen sie wählen können. Weil die Berufsorientierung im Schulbetrieb wochenlang lahm lag, haben Agentur und Kammern ihr Beratungsangebot online organisiert (siehe Infokasten). „Der Ausbildungsmarkt ist in den Fokus unseres Handelns gerückt“, sagt Agenturchef Wilhelmi. Man setze alles daran, Betriebe und junge Menschen zusammenzubringen.

Thomas Mares 0651-7199-195 Foto: Agentur für Arbeit
Alexander Oster 0651-7199-196 Foto: Christian Reuter Trier
Annelie Kirchen 0651-7199-198 Foto: Agentur für Arbeit
Sven Kronewirth 0651-7199-197 Foto: Handwerkskammer Trier

Bei Pedax in Bitburg setzt man derweil auf Praktikum und Betriebsbesichtigung mit Abstand und Mundschutz für Schüler und Eltern als Kleingruppe. Personalerin Marion Conrady: „Unser Bewerber soll Weitblick haben und wissen, worauf er sich bei uns einlässt. Dann sehen wir auch mal über eine schlechte Note hinweg.“