Fakten statt Vorurteile

Die Deutschen 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg: ein Volk von Nazis, potenziellen Kindermördern und Ausländerhassern? Auch die Eifel durchsetzt von braunen Horden? So müsste es sein, folgt man der Logik mancher Kritiker.

Denn die "Böhsen Onkelz" brechen seit Jahren bundesweit Verkaufsrekorde. Wenn bei den größten Partys der Eifel ein Onkelz-Lied gespielt wird, herrscht regelmäßig die beste Stimmung. Kein Wunder, dass selbst die Konzerte einer Nachahmer-Band ausverkauft sind. Irgendetwas kann also nicht stimmen mit dieser Logik. Man muss die Onkelz und ihre Musik nicht mögen. Aber wer sich ein Urteil erlauben will, sollte sich ernsthaft mit ihrer Geschichte und ihren Texten befassen. Auf verbale Entgleisungen als Teenager folgte ein Sinneswandel. Der Reifeprozess ist greifbar in Worten und Taten, auch wenn der Name gleich geblieben ist. Es wäre so leicht gewesen, ihn zu ändern. Aber die Band blieb stur und ging aus Überzeugung den schweren Weg, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen. Zu den bewussten Provokationen gehört auch, ein rechtskräftig indiziertes Lied zu spielen - zweifellos ein unnötiger Fehler, auch wenn der Song heute wohl nicht mehr indiziert würde. "Wir war'n wirklich keine Engel", singt die Gruppe über sich. Stimmt. Aber auch keine Verbrecher. Im Vergleich zu den verbalen Gewalt- und Drogenexzessen aktuell gefeierter "Gangsta-Rapper" aus Deutschland und den USA wirken die Onkelz wie Aufklärungsdozenten mit pädagogischem Auftrag. Es wird Zeit, statt Vorurteilen Fakten sprechen zu lassen. Auch wenn das vielleicht bedeutet, dass alte Feindbilder ausgedient haben. In Wahrheit sind die Onkelz längst zum Feindbild vieler Rechtsradikaler geworden. Auf Seiten der Fans hat das Massenphänomen pubertierende Schüler wie auch gesetzte Familienväter und -mütter erfasst. Geboren aus der Auflehnung gegen das Etablierte und dem Protest gegen Missstände, philosophieren die Onkelz über Gott, die Welt und sich selbst. In den Augen der Fans leben sie ihre Botschaft vor, sich nie unterkriegen zu lassen, sondern immer wieder aufzustehen. Dass es unter Millionen Fans auch Rechtsradikale gibt, ist eine Frage der statistischen Wahrscheinlichkeit. Die Eifeler Fanclub-Verantwortlichen und Konzertveranstalter tun gut daran, solche Störenfriede konsequent auszumustern. m.hormes@volksfreund.de