Auf den Spuren eines Bomberabsturzes

Auf den Spuren eines Bomberabsturzes

Geoffrey Dunham lässt das Schicksal seines Onkels, der 1944 mit einem Bomber der Royal Australian Air Force bei Konz abgestürzt ist, nicht zur Ruhe kommen. Er will mehr erfahren. Eine Recherche fördert Fotos und ein Kreuz zutage. Der TV hat Michael Naunheim von der Konzer Verwaltung bei seiner Spurensuche begleitet.

Konz/Wasserliesch. 12. August 1944, die vier Motoren der Lancaster PB 209 dröhnen ohrenbetäubend laut. Die fünf Australier und zwei Engländer an Bord des Bombers sind um 23.01 Uhr mitteleuropäischer Zeit vom Royal-Airforce-Stützpunkt in Upwood gestartet. Sie sollen die Opel-Werke in Rüsselsheim bombardieren. Denn dort produzieren Arbeiter Minen, Torpedos und Teile für Kampfbomber. Doch die Besatzung wird die tödliche Last niemals abwerfen. Denn sie begegnet ihrem Schicksal: dem "Ghost of St. Trond". Dieser Geist der Alliierten ist für die Deutschen ein Held: Nachtjägerpilot Heinz Wolfgang Schnaufer. Der 22-Jährige startet mit seiner für den Nachtkampf ausgerüsteten Messerschmitt BF 110 vom Fliegerhorst in Dortmund - und beschädigt den feindlichen Bomber so schwer, dass er am 13. August 1944 gegen 0.46 Uhr zwischen Könen und Wasserliesch abstürzt. Bis dahin gehen 89 Abschüsse auf Schnaufers Konto. Der Bomber der Royal Australian Air Force (RAAF), der etliche Kilometer brennend weiterfliegt, ist Nummer 90. Am Kriegsende ist der Deutsche für 121 Abschüsse verantwortlich. Deshalb geht Schnaufer als erfolgreichster deutscher Nachtjägerpilot des Zweiten Weltkriegs in die Geschichte ein.

Dezember 2016: Michael Naunheim stapft mit seinen Wanderschuhen über den steilen gefrorenen Feldweg. Sein Atem steigt in kleinen Wölkchen auf. Seit er am 11. November eine E-Mail von Geoffrey Dunham erhalten hat, recherchiert der Pressesprecher der Konzer Verwaltung, was mit dessen Onkel Donald William Dunham und dem Rest der Bombercrew passiert ist. Das Schicksal des Flying Officer (Deutsch: Fliegender Offizier) aus der Stadt Bunbury in West-Australien lässt Naunheim nicht los. Er will herausfinden, wo die Maschine genau abgestürzt ist. An diesem eiskalten Dezembermorgen ist seine Recherche fast abgeschlossen.
Naunheim läuft vom Rosenberg in Könen zum Waldstück Herrenbüsch in Wasserliesch. Den ungefähren Absturzort kennt er von Egon Claes (53). Der gebürtige Könener hat gemeinsam mit Rainer Clemens (49) aus Wasserliesch und Manfred Metzdorf (63) Nachforschungen zu dem Flugzeug angestellt. "Aus den Plexiglasscheiben haben die Kinder sich Ringe geschnitzt, und aus dem Heckrad hat man Schuhsohlen gefertigt", sagt Claes. Er wolle aber noch nach den Stellen suchen, wo die Motoren runtergekommen seien - auch das will er an Naunheim weitergeben.
Der Pressesprecher schaut bei seiner kurzen Wanderung immer wieder auf die Karte. Claes hat für ihn drei Kreuze eingezeichnet: eines für das Heck und eines für den Bug des Flugzeugs - das dritte deutet auf ein Kreuz hin, das für die Opfer des Absturzes aufgestellt worden sein soll. Als Naunheim in einem Waldstück ankommt, sucht er nach einem Krater oder Löchern, die bezeugen, wo der Bug der Maschine aufgeprallt ist.
Doch die Spuren sind allesamt verschwunden: keine Löcher, keine Überreste. Auch das Kreuz scheint verloren zu sein. Doch es steht am Rand einer verlassenen Weide mehrere Hundert Meter von der Absturzstelle entfernt, versteckt hinter Bäumen.

Zeitzeugen: Naunheim verlässt sich bei der Recherche auf mehr als zehn Zeitzeugen. Sie haben sich nach einem Artikel im Trierischen Volksfreund und auf Facebook gemeldet. Neben Claes und seinen Freunden ist der wichtigste von ihnen Artur Peters (80). Er hat die Könener Chronik geschrieben, und er weiß genau, wovon er spricht. Denn er hat sogar einen Fotobeweis für den Absturz: Auf dem Bild ist er als Achtjähriger zusammen mit seiner Schwester Karin und seinem Bruder Edgar zu sehen, wie sie auf dem Heck des abgestürzten Bombers stehen.
Peters weiß noch genau, wo auf dem Rosenberg sein Onkel Matthias Holbach das Bild gemacht hat. "Das Loch an der Absturzstelle hat man noch lange gesehen", sagt er auf TV-Anfrage. An welchem Tag das Bild entstanden sei, wisse er nicht mehr genau - auf jeden Fall kurz nach dem Absturz. Neben der Maschine habe ein Toter gelegen.

E-Mail aus Melbourne: Der Mann, der die ganze Recherche angeleiert hat, lebt 16 476 Kilometer von Könen entfernt: in Melbourne, Australien. Er heißt Geoffrey Dunham und ist ein Neffe von Flying Officer Dunham: "Meine Interpretation ist, dass Schnaufer das Flugzeug mit seiner üblichen Taktik angegriffen hat, indem er ein paar Schüsse mit seiner 20-Millimeter-Kanone in die Tanks zwischen den beiden Motoren feuerte." Die Maschine seines Onkels sei dann mit zwei Motoren in Richtung Luxemburg geflohen, aber dann abgestürzt. "Sie haben ihre Leben gelassen: Diejenigen, die es kümmert, sollten wissen, was passiert ist", sagt er über die Crew. Er habe deshalb vor, mit den Angehörigen der anderen Crewmitglieder Kontakt aufzunehmen. In erster Linie hat er ein historisches Interesse an der abgestürzten Maschine. Seinen Onkel hat er nie persönlich kennengelernt. Über Naunheims Unterstützung ist der Australier sehr froh: "Ich kann ihm nicht genug danken." Auch allen anderen Helfern dankt er in einer E-Mail an den TV. Besonders beeindruckt sei er davon, wie die Menschen aus der Region im August 1944 gehandelt haben: "Dass sie ein hölzernes Kreuz als Erinnerung an den Absturz aufgestellt haben, ist vorbildlich."
volksfreund.de/videosExtra

Donald Dunham und die sechs anderen Besatzungsmitglieder liegen inzwischen auf dem Soldatenfriedhof in Rheinberg in Nordrhein-Westfalen begraben. Dort liegen 3334 alliierte Soldaten, die in den Schlachten des Zweiten Weltkriegs im Rheinland gestorben sind. Sie stammen vor allem aus den Commonwealth-Staaten, die früher zum britischen Empire gehört haben. cmkExtra

Foto: (h_ko )
Foto: (h_ko )
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"Im August kam es zu einem ohrenbetäubenden Knall, nachdem ein brennendes Flugzeug der Alliierten im Tiefflug über das Dorf hinweggetrudelt war. Über dem Distrikt Herrenbüsch waren schwarze Rauchwolken zu sehen. Als die Wasserliescher Feuerwehr dort eintraf, fanden sie ein abgestürztes, ausgebranntes Flugzeug und in der Nähe zwei tote Soldaten, die noch an Fallschirmen hingen. Das Waldstück, das in Flammen geraten war, wurde schnell gelöscht und aus dem ausgebrannten Flugzeug mussten sie noch verbrannte Leichen bergen." Dieses Zitat beschreibt den Absturz des Bombers und stammt aus dem autobiografischen Roman "Wasser zerreibt Steine" von Brigitte Thelen aus Wasserliesch. cmk

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