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Oberbilliger erforscht Frühgeschichte an der Obermosel

Frühgeschichte : Auf den Spuren von Mammutjägern der Steinzeit

Das Oberbilliger Urgestein Kurt Scheuer hat eine Leidenschaft: Steine. Über das zunächst unscheinbare Material kann er Geschichten erzählen, die bis zu 260 000 Jahre zurückreichen.

Der Weg führt steil hinauf. Nach einem kleinen Waldstück rückt ein unscheinbares Stoppelfeld ins Sichtfeld. Stopp. Das ist das Hochplateau mit dem klingenden Flurnamen Großer Büsch. Kurt Scheuer bezeichnet das Hochplateau, das 300 Meter über dem Meeresspiegel oberhalb von Oberbillig liegt, als „paradiesischen Punkt“ und als „Bodendenkmal“. Tatsächlich lässt sich dort in die Weite schweifen. Auf der einen Seite liegt jenseits des Moseltals das Luxemburger Land, auf der anderen der Tawerner Ortsteil Fellerich. Zum Albachtal bei Wasserliesch fällt das Plateau steil ab. Scheuer sagt: „Das ist ein strategisch fantastisch gelegener Platz.“ Und: „Das Muschelkalk-Hochplateau reicht von Lothringen bis hierher.“

Dann erzählt der 77-Jährige von seiner Leidenschaft für seine Heimat und vor allem die Steine. Schon als Kind habe sein Vater ihn hier hochgeführt. Damals habe er die römische Geschichte kennengelernt und erste antike Scherben gefunden. Auf der einen Seite des Felds in Richtung Wald liege wohl eine kleine Römervilla unter der Erde, auf der anderen ein Friedhof und eine Ziegelei: „Das alles wurde nicht ausgegraben“, sagt Scheuer. Es gebe aber schon Belege für ihre Existenz.

Die Zeit der Römer will der Rentner und ehemalige Bistumsarchitekt heute aber nicht weiter thematisieren. Dazu plane er eine Ausstellung im Jahr 2019, sagt er. Diesmal will der Hobby-Frühgeschichtler am Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 9. September, seine Fundstücke aus der (Alt-)Steinzeit zeigen. In seinem Leben reicht Scheuer die antike Geschichte nicht mehr. Er beschäftigt sich mehr mit Materialien, die der Große Büsch in Fülle hergibt: bearbeitete Steine. Scheuer hat dort zum Beispiel etliche Donnerkeile entdeckt, geschliffene Steine, Überreste aus der späteren Steinzeit zwischen 3000 bis 2000 vor Christus, die als Axtblätter gedient haben. „Bauern, die die schwarzen Äxte hier oben gefunden haben, erklärten das mit der germanischen Mythologie“, erzählt Scheuer. Den schwarzen Steinen wurde ein übernatürlicher Ursprung zugeschrieben. Der Donnergott Donar soll sie vom Himmel geschleudert haben, weshalb sie vor Blitzen schützen sollten. Der „Große Büsch“ bringt im Laufe der Jahre Hunderte dieser Keile hervor.

„Alle Beile, die glatt geschliffen sind, sind jungsteinzeitliche Geräte“, erläutert Scheuer. Doch das reicht dem leidenschaftlichen Hobby-Frühgeschichtler nicht. Weil sich das Material an der Stelle so gut gehalten hat, forscht er weiter und stößt auf weitaus ältere Spuren: Werkzeuge aus Quarzit und Diabas, auch Grünstein genannt. Speerspitzen, Schaber und messerähnlich geformte Steine sind genauso dabei wie halbfertige Rohlinge und Abfallmaterial. Alle sehen irgendwie bearbeitet oder benutzt aus. Die meisten waren wohl für die Jagd vorgesehen.

Oberbilliger erforscht Frühgeschichte an der Obermosel
Foto: TV/Christian Kremer

„Da haben die etwas abgeschlagen und da und da“, sagt Scheuer, während er an einem seiner Fundstücke demonstriert, wie der Stein vor rund 100 000 Jahren bearbeitet worden sein muss. „Der Stein hat überall nur künstlich erzeugte Seiten“, führt er weiter aus. Seine These: Am Großen Büsch war in der Steinzeit ein Lager für Großwildjäger, die Mammuts gejagt haben, die sich in den Moselauen sehr wohlfühlten (siehe Info). Zudem geht der Oberbilliger davon aus, dass dort eine Manufaktur für (Jagd-)Werkzeuge beherbergt war.

Mit Hilfe von Experten hat Scheuer seine Oberflächenfunde durch Vergleiche mit Funden aus Grabungen datiert: Er schätzt, dass die älteren Steinwerkzeuge 40 000 bis 260 000 Jahre alt sind. Damit wären sie der Mittleren Altsteinzeit zuzuordnen, sagt Scheuer. Für ihn ist klar, dass auf dem Hochplateau bei Oberbillig Neandertaler Werkzeuge für die Jagd und die Weiterverarbeitung von Fleisch und Fellen produziert haben. Um diese These zu belegen, habe er in den vergangenen 40 Jahren genügend Material am Großen Büsch gefunden. Unterstützung sucht sich Scheuer einerseits bei den Profi-Archäologen aus dem Rheinischen Landesmuseum in Trier. Dr. Joachim Hupe, Leiter der Archäologischen Denkmalpflege in Trier, betont auf TV-Anfrage, wie wichtig die Arbeiten von lizenzierten Suchern wie Scheuer bei der Erforschung der Frühgeschichte seien. Ohne die Helfer würden Stellen, wo es keine baulichen Überreste gibt, oft gar nicht gefunden. Auch Hupe hält es für denkbar, dass am Großen Büsch in Oberbillig in der Altsteinzeit Faustkeile und andere Werkzeuge für die Jagd produziert wurden. Allerdings lehnt sich der Wissenschaftler nicht ganz so weit aus dem Fenster wie Scheuer: „Belastbar ist das noch nicht.“

Oberbilliger erforscht Frühgeschichte an der Obermosel
Foto: TV/Christian Kremer

Seine eigentliche Forscherheimat hat Scheuer aber nicht bei den deutschen Profis, sondern bei der Société préhistorique luxembourgeoise (SPL, zu Deutsch: Luxemburgische Gesellschaft für Frühgeschichte) gefunden. Als Hobby-Frühgeschichtler sei er dort sehr freundlich aufgenommen worden und finde immer Hilfe für seine Erforschung der Eiszeitjäger.

Oberbilliger erforscht Frühgeschichte an der Obermosel
Foto: TV/Christian Kremer

Kurt Scheuer stellt seine Funde am Sonntag, 9. September (Tag des offenen Denkmals), von 13 bis 18 Uhr in seinem Haus aus (An der Schlicht 21, 54331 Oberbillig). Alle Besucher sind laut dem Gastgeber zur Ausstellung „Die Eiszeitjäger vom Großen Büsch“ willkommen. Infos gibt es unter Telefon 06501/14431.