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Neues Leben im alten Weingut: Im Spätsommer öffnet Winzerbetrieb Cantzheim an der Saar seine Türen

Anna Reimann vor dem entstehenden Weingut in Kanzem. TV-Foto: Friedemann Vetter
Anna Reimann vor dem entstehenden Weingut in Kanzem. TV-Foto: Friedemann Vetter FOTO: Friedemann Vetter (ClickMe)
Kanzem/Wiltingen. In das ehemalige Weingut des Klosters Wadgassen zieht im Mai Familie Reimann ein. Fix und fertig renoviert ist das barocke Guts haus am Ortseingang von Kanzem dann zwar noch nicht, aber Anna und Stephan Reimann sputen sich. Denn sie wollen sich ihrem neuen Weingut Cantzheim möglichst bald widmen. Verona Kerl

Kanzem/Wiltingen. Anna Reimann kommt gerade aus dem Wingert in Kanzem. An ihren Schuhen klebt noch Erde. Am Morgen hat sie zwischen den Rebstöcken gewerkelt, gleich fährt sie wieder an die Mosel, nach Lieser, wo sie mit Mann Stephan und den beiden Kindern wohnt. Im Mai ist ihre Wohnung in dem barocken Guts haus am Ortseingang von Kanzem fertig, dann hat die Hin- und Herfahrerei ein Ende.

Cantzheim haben die Reimanns ihr neues Weingut genannt. So hieß Kanzem im 14. Jahrhundert, als Prämonstratensermönche in den Steillagen schwitzten, die ihr Orden dort 1381 gekauft hatte. Die Landschaft gefiel so gut, dass das Kloster 1740 ein Gutsgebäude am Fuße der Weinberge bauen ließ. Doch diese Glanzzeiten sind im 21. Jahrhundert natürlich längst vorbei. Anna Reimann springt das alte Gebäude ins Auge, an dem sie regelmäßig vorbeifährt, wenn sie ihre Tante Heidi Kegel (die ehemalige Inhaberin des Weingutes von Othegraven starb am 7. Juli 2012) besucht. Sie macht ihren Vater Georg Thoma auf dieses Kleinod aufmerksam, der es 2007 kauft. Ein imposantes Anwesen. Das Grundstück erstreckt sich auf 5800 Quadratmeter, die Wohnfläche im Gutshaus dehnt sich auf 700 Quadratmeter aus. Hinzu kommt eine moderne Remise gleich nebem dem Haupthaus, die der Neusser Rechtsanwalt Thoma als Ergänzung neu hinzu bauen ließ. Auch die Nachbarschaft ist illuster: Fernsehmoderator Günther Jauch besitzt das angrenzende Weingut von Othegraven, welches er 2010 von Heidi Kegel übernommen hatte.

Anna Reimann steht in den Jahren der Gebäudesanierung und -renovierung allerdings gar nicht der Sinn nach einem Weingut, obwohl sie Expertin in der Branche ist. "Erst Mitte 2015 reifte der Entschluss, ein Weingut zu gründen", erzählt sie. Etwa zur selben Zeit bietet sich die Gelegenheit, Weinberge zu kaufen, und sie schlägt zu. Zwei Hektar vom Kanzemer Sonnenberg kann sie ergattern, alte Herzstücke in Südwestlage. Nur ein kleiner Teil davon ist bestockt, den Rest pflanzt sie selbst an. Riesling. Natürlich. Dass sie einen halben Hektar Saarburger Fuchs besitzt, gleich hinter der Lage Saarburger Rausch, freut sie besonders. "Eine Steillage wie der Kanzemer Altenberg. Unsere Nachbarn sind Johann Peter Mertes, Winzer und Ortsbürgermeister von Kanzem und Winzer Julius Appel." Drei Hektar in Serrig, am Antoniusberg, komplettieren ihren Besitz. 2016 will sie gemeinsam mit Mann Stephan, Winzermeister, Agraringenieur und Phytopathologe (Lehre der Pflanzenkrankheiten), die erste Ernte einfahren.Erster eigener Wein im Jahr 2017


Im Sommer 2017 werden sie ihren ersten eigenen Wein in die Flaschen füllen. Den wollen die Reimanns in ihrer neuen Vinothek zur Verkostung anbieten. Überhaupt hat Anna Reimann noch ganz andere Pläne als "nur" einen gut funktionierenden Winzerbetrieb aus ihrem Anwesen zu machen. "Wir haben vor, fünf Gästezimmer zu vermieten. In unserem schönen alten Tonnengewölbe bieten wir Veranstaltungen an, hinzu kommen Vinothek und ein Gastraum im Erdgeschoss. Eine tolle Küche soll dabei Dreh- und Angelpunkt für unsere Gäste sein."

Kanzems Ortsbürgermeister Johann Peter Mertes freut sich bereits auf die Neubürger. Keimen denn bei ihm da keine Konkurrenzgefühle auf? "I wo. Das sind Menschen, die was für die Weinbergslandschaft tun." Er ist erleichtert über die Wiederbestockung, denn "im Kanzemer Sonnenberg sind ja einige Winzer weggefallen. Außerdem ist Kanzem ja nicht gerade mit Übernachtungsmöglichkeiten gesegnet. Alles, was uns weiterhilft, ist willkommen."

Derweil schmiedet auch Roman Niewodniczanski an Konzepten für die Zukunft seines erfolgreichen Weingutes Van Volxem (Wiltingen). Die Keller-Kapazitäten sollen erweitert werden. Daher entsteht zur Zeit zwischen Wiltingen und Biebelhausen eine neue Manufaktur - ein großer Komplex, in dem Holzweinfässer, gebaut aus familieneigenen Eifeler Eichen, lagern sollen. Niewodniczanski setzt dabei auf "das Zusammenspiel von traditioneller Handwerkskunst und neuester umweltschonender Technologie". Zu näheren Details will sich Niewodniczanski erst in einigen Wochen äußern, wenn das Projekt bereits weiter fortgeschritten ist. Aber auch er verfolgt mit Reimannn und Mertes dieselbe Linie: Die Saar und ihre Weine auf dem Markt positionieren und Erfolg haben.Extra

Saar-Weine: An der Saar wird Weinbau zwischen Serrig und Konz betrieben. Die Weinberge befinden sich häufig an den Südhängen von Seitentälern. In den vergangenen Jahren ist die Anbaufläche durch Rekultivierung alter Steillagen wieder angewachsen. 2015 waren es insgesamt 770 Hektar, auf rund 80 Prozent der Flächen wird Riesling angebaut. Über den Saar-Riesling urteilt der britische Weinautor Hugh Johnson: "Einer der überragenden Weißweine der Welt, der Schluck für Schluck bezaubert." Parker-Punkte: Saarweine des Jahrgangs 2014 haben bei der aktuellen Bewertung durch das renommierte Weinmagazin "The Wine Advocate" - herausgegeben von Weinpapst Robert Parker - Spitzennoten (ab 95 Punkten) erhalten: Weingut von Othegraven in Kanzem (98 Punkte für 2011 Riesling Trockenbeerenauslese), Markus Molitor aus Bernkastel-Wehlen (98 Punkte für 2014 Auslese trocken drei Sterne, 97 Punkte plus für eine süße Auslese, Saarburger Rausch und 98 Punkte für eine süße Auslese, Ockfener Bockstein), Egon Müller in Wiltingen (96 Punkte für Scharzhofberger Riesling Spätlese Alte Reben #6, 96 Punkte für Scharzhofberger Riesling Auslese #8 und 96 Punkte für Le Gallais - Egon Müller Wiltinger Braune Kupp Riesling Spätlese #7). Daneben wurden weitere Tropfen von Saarweingütern mit 90 und mehr Punkten benotet. Vorwiegend handelt es sich um Weine des Jahrgangs 2014. vkExtra

Anna Reimann (40 Jahre), geboren in Bonn, studierte erst Gartenbauwissenschaften in Weihenstephan, Bayern, (Ihre Abschlussarbeit ging über die Reblaus), bevor sie endgültig ihre Leidenschaft für Wein entdeckte. Sie absolvierte ein Önologie-Studium in Frankreich, reiste viel in der Welt herum, arbeitete eine zeitlang in Neuseeland und stellte dort Wein für ansässige Betriebe her. 2003 begann sie für das Weingut Markus Molitor in Bernkastel-Wehlen zu arbeiten und baute dort den In- und Export auf. 2011 wechselte sie zu den Bischöflichen Weingütern, wo sie bis Oktober 2015 als Leiterin für Vertrieb- und Marketing zuständig war. Im Sommer 2016 eröffnet sie mit Ehemann Stephan ihr neues Weingut "Cantzheim". vk