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Das Leben nach dem Tablettenrausch

Das Leben nach dem Tablettenrausch

LUXEMBURG. Wie erlebt ein Mensch, der sechzehn Jahre lang Medikamente nehmen musste, seine Welt, wenn die Hirn vernebelnden Tabletten abgesetzt werden? Ein Theaterstück versucht eine Antwort.

Ein plärrendes Baby. furcht- einflößende, grotesk maskierte Gestalten, die sich wie durch eine dichte Nebelwand bewegen. Wer weiß, wie viele Albträume dieser Art Dora bereits durchmachen musste. Doch der schlimmste Albtraum steht noch bevor - wenn auch weniger für sie als für ihre Eltern. Dora ist behindert und muss seit ihrer Geburt Tabletten nehmen. Die Mutter verfällt auf die Idee, die Medikamente abzusetzen, um ihre "wirkliche" Tochter kennen zu lernen. Der Drogenentzug hat schwer wiegende Folgen: Dora, an der der Erziehungsprozess gesellschaftlicher Konventionen und menschlicher Heucheleien spurlos vorüber gegangen ist, fehlt jegliches Bewusstsein für das, was "man nicht tut und sagt". Regisseur Franz-Josef Heumannskämper findet auf der Bühne des Luxemburger Kapuzinertheaters ein sinnfälliges Bild dafür in den Tierfilmchen, die die Szenen trennen und die Fauna bei allen möglichen Aktivitäten zeigen, auch sehr symbolträchtigen.Forschungsreise durch Männerwelten

Im Gegensatz zu den putzigen Tierchen jedoch ist für Dora das ganze Jahr über Paarungszeit; Sex ist für sie wie ein Dauerlutscher, überall und jederzeit verfügbar, ohne Scham- und Schuldgefühle. Ein paradiesischer Zustand. Doch das wirklich Peinliche an ihrem Verhalten: Sie decouvriert bei ihren Forschungsreisen durch Männerwelten und -wünsche auf unschuldig-naive Art das sexuelle Verhalten ihrer Umwelt - staunend und wertfrei, selbst nur erstaunt, dass den anderen diese Entdeckungen peinlich sind. Auch die ungewollten Konsequenzen ihrer ausufernden Kopulationen sind kein Grund, davon abzulassen. Natürlich wird sie schwanger, aber das Malheur kann mit einem kleinen Eingriff "behoben" werden kann. Die Tragik ihres drogen- und regelfreien Lebens ist nur, dass Dora den Menschen ebenso naiv gegenüber steht und ihnen bei allem, was sie ihr antun, weiterhin blind vertraut. Der Schweizer Lukas Bärfuss hat das Stück mit dem knalligen Titel "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" geschrieben und ein faszinierendes Thema zur Diskussion gestellt: Wie verhält sich eine Gesellschaft von Heuchlern und auf Wohlanständigkeit Bedachten, wenn sie mit der unschuldigen Keckheit einer "Wilden" konfrontiert werden, die das Verhalten ihrer Mitmenschen mit kindlichem Wissendrang und ohne jede Wertungsabsicht hinterfragt? Der Abend hatte das Zeug zu schwarzhumorigem Grauen. Leider hat Regisseur Heumannskämper, der auch für die Ausstattung verantwortlich zeichnet, aus der bitterbösen Vorlage einen farcenhaften, schrill-bunten Bilderbogen zwischen Hotelzimmer, Arztpraxis und Spießerwohnung gemacht, des Schlechten einiges zu viel getan und peinsam genau ausgespielt, wo Andeutungen fantasieanregender gewesen wären.Randfiguren aus dem Raritätenkabinett

Im Gegenzug dazu hat er die Charaktere holzschnittartig zurechtgeschnitzt: der Spießervater im Unterhemd (Serge Tonon), der Arzt (Tom Leick), ein hilfloser Phrasendrescher, Joachim Paul Assboecks "feiner Herr", der seine schmierigen Gelüste hinter aaliger Glätte versteckt. Daniel Plier (Doras Chef) und Josiane Peiffer (dessen Mutter) vervollständigen das personelle Raritätenkabinett an Randfiguren, die, als Typen angelegt, allesamt konsequent namenlos bleiben. Einen Hauch von Tragik gewährt der Regisseur allenfalls Doras Mutter (Doris Plenert), die den Mut aufbringt, sich ihr Versagen einzugestehen und deren außereheliches Treiben von der Tochter als selbstverständliches Freizeitvergnügen akzeptiert wird. Die spielt wunderbar hingebungsvoll Elena Meißner, ein Mädchen jenseits aller Hemmungen zwischen geistiger Behinderung, Bockigkeit, Chuzpe und entwaffnender Offenheit - eine entfernte Verwandte von Candide, jenem weltfremden Jüngling, der sich nach einer beispiellosen Odyssee durch menschliche Abgründe sein sonniges Herz bewahrt und seinen Garten pflegt. Doras Garten liegt - ausgerechnet - in Moskau. Dorthin hat sie "der feine Herr" geschickt und ihr versprochen, bald nachzukommen. Dora glaubt fest daran. Weitere Aufführungen: 1., 2., 3. und 4. 2., Karten: 00352/4708951, E-Mail ticketlu@pt