1. Region
  2. Kultur

Der Club der toten Maler

Der Club der toten Maler

TRIER. 100 Jahre bildende Kunst - mit einigen Lücken - zeigt die aktuelle Schau im Städtischen Museum Simeonstift.

Die Entdeckung dieser Ausstellung ist ohne Zweifel Fritz Quant. Mit Wucht sprengt der "Karneval" des Trierer Malers die stille und vor allem im ersten Teil des Rundgangs ansehnliche Bilderschau, die derzeit den Wechselraum des Städtischen Museums Simeonstift ausfüllt. Sehen lassen kann sich auch das zweite Bild des hierzulande eher für seine Trierer Ansichten bekannten Künstlers. Nach Art der englischen Landschaftsmaler schwebt licht und federleicht ein unendlicher Himmel über dem verschwindend niedrigen Horizont.Flotte Firmierung, schwierige Verquickung

"100 Jahre Trierer Malerei" heißt die Schau aus Gemälden und einigen Kleinplastiken, mit der das Stadtmuseum gleich zweifach Bilanz zieht. Als Zusammenschau bewertet werden nach Soll und Haben ein Jahrhundert hauseigene Sammeltätigkeit im Bereich Bildende Kunst sowie das örtliche Kunstschaffen desselben Zeitraums. Dass die Verquickung der beiden Darstellungsstränge viel schwieriger ist, als es die flotte Firmierung der Schau glauben macht, zeigt sich gleich beim ersten Rundgang. Und ebenso zeigt sich, wie problematisch die Sammelgeschichte des Hauses ist. Angesichts leerer Kassen und fehlender Anschaffungsetats wird sich die Lage sogar künftig eher noch verschlechtern. Um Missvertändnisse zu vermeiden: nicht, dass unter den gezeigten Bildern nichts Sehenswertes wäre. Neben Quant hat die Bilderreihe gerade im ersten Teil des Rundgangs einige bemerkenswerte Stationen aufzuweisen wie das "Garderobe"-Stilleben im Stil der Neuen Sachlichkeit von Martin Mendgen aus dem Jahr 1932. Eindrucksvoll ist auch das Straßenbild von Robert Pudlich, der ab 1955 Professor an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf war. Ins Auge springen das virtuose Litho von Hann Trier, dem Lehrer von Georg Baselitz, und das leuchtende Blumenstillleben von Anton Veit. Sehr anmutig kommt unter den wenigen Skulpturen der Ziegenhirte von Michael Trierweiler daher. Mit den Arbeiten von Hans Arp kann die Abteilung Kleinpla-stik schließlich einen hochberühmten Namen vorweisen. Ins Auge springt zum Ende noch einmal das leuchtend sommerliche Stillleben von Anton Veit. Und doch: Trotz chronologischer Hängung fehlt dieser Mischung aus musealer Sammlertätigkeit und örtlicher Kunstgeschichte eine überzeugende Systematik. Was zunächst auffällt: Die 100 Jahre Malerei sind eine reine Gedenkschau, eine Schau der toten Maler. "Die Lebenden haben wir weggelassen", sagt Museumschefin Elisabeth Dühr, "aus Platzgründen." Zu den zeitnächsten Künstlern gehören denn auch Jakob Schwarzkopf, Erich Kraemer, Jupp Zimmer und Reinhard Heß. Erhebliche Lücken weist die Schau (trotz Leihgaben) auf, was die Stilrichtungen der letzten 100 Jahre angeht. So fehlen Collage, Objektkunst, das Thema Informel und vieles mehr, was moderne Malerei bestimmt. Unter den gezeigten Bildern sind die Qualitätsunterschiede erheblich. Ein dichter ausdrucksstarker "Kraemer" hängt neben einem eher dekorativen, nicht weit von einer schwachen Schwarzkopf-Zeichnung ist ein ebensolches Gemälde von Reinhard Heß plaziert. Auch Fritz Grewenigs Ansicht mit Brücke sagt wenig aus über die Qualität des Malers. Mag sein, dass der Anspruch, den solch eine Schau zumindest dem Titel nach erhebt, einfach zu hoch ist. In jedem Fall erlauben ihre Lücken Rückschlüsse auf den Bestand des Hauses und die Grenzen seiner Sammlungstätigkeit. Wie viele andere Museen verdankt das Städtische Museum Simeonstift einen Großteil seines Bestands zurückliegenden Stiftungen. Deren Vermächtnis ist in der Regel von den Möglichkeiten und den Vorlieben der Stifter abhängig. Die Übereignung einer geschlossenen Sammlung wie die Informel-Kollektion des Malers Jupp Lückeroth bleibt ein seltenes Glück, das sich in Trier noch zum Unglück wandte. Um sammlerische Lücken qualitativ hochwertig zu schließen, fehlt gemeinhin das Geld, besonders in einem Haus, das als Querschnitt-Museum organisiert ist. Der preisgünstige Erwerb eines Gemäldes des jüdischen Trierer Malers Max Lazarus aus einer Internet Versteigerung vor einigen Jahren muss da als glücklicher Zufall gewertet werden.Unverzichtbar: ein angemessener Etat

Man wird sich künftig - nicht nur in Trier - weit stärker darauf konzentrieren müssen, noch strenger Sammlungsschwerpunkte zu setzen. Unverzichtbar bleibt ein angemessener Etat für Projekte und Neuerwerb. Verstärkt die eigenen Bestände zu zeigen, wie dies - zur Kostenersparnis - allerorts kulturpolitisch gefordert wird, kann nur eine unbefriedigende Alternative sein. Schließlich haben Museen die Pflicht, Beispielhaftes zu zeigen. Ein Großteil der Bestände lagert indes im Magazin, weil er höchstens Mittelmaß hat. Einmal mehr verdeutlicht die Trierer Schau: Private Stiftungen sind für die öffentlichen Kultureinrichtungen und Museen zwar so etwas wie der Berg, von dem Verheißung kommt, alle Probleme können sie dennoch nicht beseitigen. Im Gegenteil: Die ausschließliche Verlagerung des Kulturbetriebs auf private Stiftungen privatisiert ein Kulturleben, in dem bislang Bürgerparlamente bestimmt haben, was kulturelles Leben ist. Bis 24. April, di.-so. 9 bis 17 Uhr.